Grenzerfahrungen #52

Von Gabi Arnold

In unserer Reihe „Grenzerfahrungen“ erzählen wir Geschichten von Menschen, die extreme Situationen bewältigt haben. Die Pandemie hat viele Branchen in eine Krise getrieben, besonders betroffen ist der Kreativ- und Kulturbereich, selbst etablierte Künstler haben aufgegeben oder sich neu orientiert. Wir haben Schlagersänger Ronny Söllner gefragt, wie er die Zeit überstanden hat.

Plötzlich bricht alles weg

Strahlend blaue Augen, ein charmantes Lächeln und immer gut gelaunt – so kennen ihn seine Fans. Ronny Söllner, Sänger, Moderator und Entertainer, ist in Schlagerkreisen beliebt und gefragt. Bis zum Jahr 2020 läuft sein Geschäft blendend. Dann kommt Corona. Der Kultur- und Kreativbereich ist lahmgelegt, Veranstaltungen werden von heute auf morgen abgesagt, Bars und Restaurants schließen. Künstler haben ein Auftrittsverbot.

„Ich bin ins Bodenlose gefallen“, sagt der 39-Jährige. Wir treffen uns an der Rodachbrücke in Redwitz, dem Ort, an dem kurz vor Ausbruch der Pandemie ein Video zu seinem Song „Liverpool-Athen“ gedreht wurde. Musik, insbesondere das Genre Schlager, begeistern den smarten Künstler von klein an. Als er fünf Jahre alt ist, bekommt er von seinem Opa ein Akkordeon geschenkt. Es handelt sich um ein Dekorationsstück, das an der Wand hängt und fast im Müll gelandet wäre. Ronny beginnt, auf dem alten Akkordeon zu spielen. „Und da haben sie gemerkt, okay, da könnte mehr daraus werden“, erzählt er. Ronny erhält Privatunterricht und spielt in seiner Freizeit, für die Familie und bei Schulfeiern. Später lernt er noch Keyboard- und Klavierspielen. Als er acht Jahre alt ist, steht er das erste Mal auf einer Bühne und musiziert vor Publikum. Viele weitere Auftritte sollen folgen.

Zunächst geht der gebürtige Thüringer einen anderen Weg. „Du lernst erst mal einen Beruf“, sagte die Familie. Ronny macht eine Ausbildung zum Friseur und arbeitet danach einige Jahre in diesem Beruf. Aber Erfüllung findet er in seinem Job nicht. „Ich habe mir gesagt, was ich als Friseur verdiene, kann ich mit Musik auch verdienen.“ Er beschließt, sich als Musiker selbstständig zu machen. Geprägt haben ihn seine Großeltern, bei denen er als Kind viel Zeit verbracht hat. Auf dem Programm standen Schlagersendungen wie der Musikantenstadl. Für Ronny ist klar: „Das ist die Musik, mit der ich Freude bringen kann“, sagt er. Sein Talent, Menschen zu unterhalten, lässt er in die Kunst einfließen. In der Gesangschule „Powervoice“ in Erlangen lernt er Feinheiten, wie die richtige Atemtechnik.

Im Jahr 2006 nimmt er mit dem Bayerischen Rundfunk seine erste Single „Du machst mich unheimlich an“ auf. Damit beschreitet Ronny, der bisher nur instrumental aufgetreten ist, einen neuen Weg in der Unterhaltung und findet in der Schlagerwelt bundesweite und internationale Beachtung. Ronny komponiert Schlager und tritt in Tanzlokalen, bei Veranstaltungen, auf Weihnachtsmärkten und als singender Bademeister in Bad Rodach auf. Sein Publikum ist bunt gemischt, wer Schlager mag, der mag Ronny Söllner. Es macht ihn glücklich, wenn er Menschen Freude bereiten kann. Ronny ist aber nicht nur auf Schlager festgelegt, bei Hochzeiten und Abiturfeiern spielt er auch 80-er und 90-er Hits und englischsprachige Songs. Er versteht sich als Dienstleister, der Fröhlichkeit verbreitet.

„Es ist die absolute Erfüllung, wenn Menschen glücklich sind. Es gibt Leute, die kommen nach Bad Rodach im Rollstuhl oder Rollator und tanzen dann im Wasser den Schneewalzer und sie vergessen ihre Zipperlein. Es sind diese Momente.“ (Ronny Söllner)

Es geht stetig bergauf. Der Künstler ist regelmäßiger Gast bei „Gute Laune TV“, „Wenn die Musi spielt“ oder im „Deutschen Musikfernsehen“. Er vertritt Deutschland beim „Alpen Grand Prix“ und belegt den zweiten Platz, er schreibt für „Duo Evergreen & Stefanie“ einen Titel, der 2011 den internationalen deutschsprachigen Grand Prix gewinnt. Im Jahr 2019 übernimmt er den Konzert-Service Rodewald.
Im selben Jahr erkrankt sein Vater schwer, Ronny kümmert sich um ihn. Als sein Vater im Hospiz stirbt und auch seine Großmutter zur gleichen Zeit beerdigt wird, setzt ihm das stark zu. „Es war eine Doppelbeerdigung und es war einschneidend“, sagt Ronny nachdenklich.

Es kommt das Jahr 2020 und ein Virus namens SARS-CoV2 bringt die Welt ins Wanken. Am 11. März, zum internationalen Frauentag, tritt Ronny noch auf, zwei Tage später sind alle Veranstaltungen gestrichen. Ronnys Telefon klingelt endlos, ein Termin nach dem anderen wird abgesagt. Alles, was ihm wichtig ist, bricht von einem Tag auf den anderen komplett weg.

„Deine Aufgabe ist weg, Dein Beruf ist weg, das, womit Du den Menschen Freude bringst, ist auch weg. Ich bin an meine psychischen Belastungsgrenzen gekommen.“

Als nach dem ersten Lockdown gelockert wird, beginnt Ronny wieder zu planen. Doch es muss erneut alles abgesagt werden. Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende, aber ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Die Advents- und Weihnachtszeit ist für Ronny eine besondere. „Ich bin ja ein Weihnachtsmusiker, 2019 hatte ich 20 Auftritte und jetzt keinen einzigen mehr“, sagt er. 2020 werden bekanntlich zur Eindämmung der Pandemie alle Weihnachtsveranstaltung und Märkte abgesagt. Ronny hat fast 100 Prozent Verdienstausfall und überlebt wirtschaftlich nur mithilfe von Förderprogrammen, wie der bayerischen Künstlerhilfe.

„Da kommt mir zugute, dass ich mal Friseur war. Da habe ich gelernt, mit wenig Geld umzugehen.“

Das Jahr 2021: Ronny sucht sich eine Aufgabe und plant gemeinsam mit seinem Nachbarn ein neues Projekt. Sein Nachbar, der immerhin schon 80 Jahre alt ist, und Ronny holen Angebote ein. Sie packen gemeinsam beim Abriss eines alten Hauses an, welches sie zusammen erworben haben. Ein Jahr lang sind die beiden Männer damit beschäftigt, es ist eine Ablenkung von der Coronakrise.

Endlich wieder auf der Bühne

September 2021: Nach einer gefühlt unendlich langen Zeit steht der Künstler endlich wieder vor Publikum. In Weidhausen, im Gasthaus „Braunes Ross“, feiert er mit Wegbegleitern und Freunden sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. „Da habe ich einfach wieder gemerkt, wofür ich da bin, nämlich um einfach Freude zu bringen“, sagt er. Ronny arbeitet weiterhin als Sänger, Komponist und Entertainer. Das ist nicht selbstverständlich. „Was ich extrem merke ist, dass viele Musiker aufgehört haben, entweder gesundheitsbedingt, oder weil sie in sichere Berufe gewechselt sind“, sagt er. Vieles habe sich verändert oder sei weggebrochen in den vergangenen zwei Jahren. Seinen Beruf aufgeben wollte Ronny nie.

Kaffee, Kuchen und Musik

In seinem Wohnort Redwitz hat er jetzt eine die Veranstaltungsreihe „Kaffee, Kuchen und Musik“ ins Leben gerufen. Die Gemeinde stellt das Bürgerhaus, Vereine sorgen für die Bewirtung. Seine Wünsche für die Zukunft sind bescheiden. „Wenn es einfach wieder beständig und regelmäßig weitergeht, bin ich zufrieden“, sagt er. Er steht auf der Rodachbrücke, dort wo er vor der Pandemie ein Video aufgenommen hat. Jetzt ist die Brücke frisch saniert, bei der Einweihung wird er dabei sein.

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