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Grenzerfahrungen #53

Von Gabi Arnold

In unserer Reihe „Grenzerfahrungen“ erzählen wir Geschichten von Menschen, die extreme Situationen bewältigt haben. Es sind Geschichten von Krankheit, Pleite, Flucht oder Ähnlichem. Dieter Kellouche hat einen Albtraum erlebt, aus dem er fast fünf Jahre lang nicht erwacht ist: Er wurde unschuldig zu lebenslanger Haft in Dubai verurteilt.

Lebenslänglich!

4,5 Jahre. 1733 Tage. 41 592 Stunden …

… verbringt Dieter Kellouche in einem Gefängnis im Emirat Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Auslöser ist banal: Weil sich ein Scheich im Augst 2017 in seiner Ehre gekränkt fühlt, wird Kellouche anschließend willkürlich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Dieter Kellouche lächelt, er spricht ruhig und bedacht. Auf den Arkaden in Coburg treffen wir uns. Der 44-jährige Coburger will erzählen, was ihm widerfahren ist. Reden sei eine Art der Verarbeitung, sagt er. Es ist ein warmer Sommertag, die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Eigentlich ist das nichts Besonders, aber für Kellouche muss es das sein. Sonnenschein oder Tageslicht hat der Coburger jahrelang nicht gesehen. Er hat nicht mal das erfahren, was wir in der westlichen Welt unter einem annähernd menschenwürdigen Leben verstehen.

Der Albtraum des Elektrotechnikingenieurs beginnt im Jahr 2017. Kellouche lebt und arbeitet zu dieser Zeit in China als internationaler Geschäftsführer. Er fliegt am 14. August von Deutschland über Dubai nach Hongkong. In Dubai hat er 14 Stunden Aufenthalt; er nutzt die Zeit, um einen alten Freund zu besuchen. „Danach wäre ich einfach weiter nach Hongkong geflogen“, erzählt er. Da Kellouche beruflich viel in der Welt umherreist, lernt er auch Menschen aus dem Mittleren Osten kennen und schließt Freundschaften, auch mit Scheich Mohamed Sultan Bin Huwaiden Al Ketbi (Cousin des jetzigen Herrschers der Vereinigten Arabischen Emirate), den er an diesem Tag besuchen möchte. Der Scheich lebt mit seinen zwei Ehefrauen und 18 Kindern außerhalb von Dubai in einem eigenen Bezirk, sein Gästehaus steht Tag und Nacht für Besucher offen. Als Kellouche bei dem Scheich eintrifft und diesen in der Landessprache begrüßt, geschieht Kellouches Worten zufolge etwas Sonderbares: Der Gast aus Deutschland wird nicht erkannt und grob abgewiesen. „Er wollte mich angreifen, er war nicht bei sich, es war eine ganz komische Situation. Ich habe ihn abwehren müssen.“

Dennoch trennen sich der Scheich und sein Besucher am Ende freundschaftlich. So empfindet es jedenfalls Kellouche. Als er jedoch sein Mietauto zurückgibt, wird ihm beim Autoverleih gesagt, dass er sich bitte bei der Polizei melden solle. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind an vielen Plätzen Kameras installiert, es gibt viele Verbote und nahezu täglich neue Gesetze und Vorschriften, deshalb glaubt Kellouche, der Anruf habe mit einem möglichen Strafzettel zu tun. „Ich habe gedacht, okay, ich räume das aus dem Weg und bin ohne schlechtes Gewissen zur Polizei.“ Er denkt sich nichts dabei, als er von Polizisten in ziviler Kleidung aufgefordert wird, in ein Auto zu steigen. „Es war zwar ein mulmiges Gefühl, aber ich war auch neugierig.“

Jetzt wird seine Stimme ein weniger aufgeregter. Er erzählt, wie er mit Kabelbindern an einem Stuhl gefesselt und misshandelt wird. Immer wieder wird er geschlagen, immer wieder fragen seine Peiniger, was er gemacht habe.

„Es ist unvorstellbar. Ich wusste gar nicht, um was es geht. Ich wusste nicht, was sie hören wollten.“

Die Polizisten kippen den Stuhl um und schlagen ihn vermutlich mit einem Baseballschläger oder Holzstock auf die Fußsohlen. Sie setzen ihn wieder aufrecht hin und wiederholen die Frage. „Was hast Du mit dem Scheich gemacht, sage die Wahrheit, sage die Wahrheit?“ Kellouche schreit vor Schmerzen, er ist wütend und verstört. Später hören diese Misshandlungen zwar auf, aber er wird in einen eiskalten Raum gebracht. Die Beamten verlangen Kellouches Passwörter für das Laptop, für sein iPad, für alles, was er bei sich hat.

„Für meine Handys wollten sie auch das Passwort haben, sonst würden sie wieder schlagen. Und wenn ich nichts zu verbergen habe, soll ich es ihnen geben. Ich habe es gemacht, obwohl ich das normalerweise im Leben nie gemacht hätte.“

Die Beamten legen ihm ein Schriftstück vor und fordern ihn auf, es zu unterschreiben. „Sie haben gesagt, wenn Du unterschreibst, darfst Du einen Anwalt anrufen.“ Er setzt seinen Namen unter das Papier, mit dem Zusatz, dass die Signatur unter Zwang geschehen ist „Ich habe gedacht, es hilft vielleicht, dass ich das auf Deutsch dazu schreibe.“ Seine Familie weiß nicht, wo er sich befindet. Erst nach drei Tagen darf er seine Frau anrufen. Sie reagiert erleichtert auf das Lebenszeichen, aber auch besorgt und erbost über die Situation.

Bei einem erneuten Verhör wird ihm plötzlich unterstellt, das Portemonnaie des Scheichs gestohlen zu haben. Er soll die Tat gestehen und den Geldbeutel zurückgeben, dann sei er ein freier Mann. Da Kellouche keine Ahnung hat, wovon die Rede ist, kann er auch nichts zurückgeben. „Ich habe gesagt, ich weiß nicht, um was für ein Portemonnaie es geht, und dass sie alles durchsuchen können.“ Die Anschuldigungen des Scheichs ändern sich Kellouches Worten zufolge danach ständig, es werden immer neue Geschichten aufgetischt.

Drei Tage ist der Coburger eingesperrt, er ist allein, ohne Essen, er bekommt nur Wasser zu trinken. Er ist wütend und verzweifelt, er trommelt gegen Türen, schreit, verlangt nach dem Konsulat und nach einem Rechtsanwalt. Er fordert seine Rechte und bekommt zu hören, dass er als Deutscher in den Vereinigten Arabischen Emiraten keine Rechte habe.

Der Coburger wird in einen Raum mit anderen Gefangenen gebracht. Ein Mann besitzt ein Handy, und Kellouche kann Kontakt mit dem deutschen Konsulat aufnehmen, woraufhin ein Mitarbeiter in die Polizeidienststelle kommt. Der Konsulat-Mitarbeiter teilt Kellouche mit, dass es in den Emiraten üblich sei, dass Gefangene geschlagen werden und dass es noch schlimmer werde, wenn man sich darüber beschwert. Kellouche erhält eine Liste mit Rechtsanwälten und schöpft Hoffnung. Aber bevor sich ein Anwalt um seine Angelegenheit kümmert, wird er zur Kasse gebeten: 15.000 bis 18.000 Euro werden verlangt, am Ende werden sich die Anwaltskosten auf 300.000 Euro summieren. Zu Gesicht bekommt er seine Anwälte nur aus der Ferne im Gerichtssaal. Es gibt keine persönlichen Gespräche unter vier Augen, lediglich telefonisch tauscht er sich mit den Anwälten aus. Bis es überhaupt zu einer Anklage kommt, vergehen Monate.

Vor Gericht wird es kurios: Kellouche ist der Majestätsbeleidigung angeklagt. Es heißt, der Scheich würde ihm vergeben, er fordere aber im gleichen Zug die Höchststrafe. Das bedeutet drei Jahre Gefängnis. Im Gegenzug soll Kellouche die Tat zugeben. Das lehnt er ab, da er unschuldig ist. Daraufhin fällt der Richter das Urteil. Es lautet lebenslängliche Haft. „Ich habe das zuerst nicht verstanden, da ich das Wort ‚lebenslänglich‘ auf Arabisch nicht kannte“, sagt er.

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Urteil: Lebenslänglich

Kellouche wird in eine Zelle gebracht, auf dem Boden liegen zwölf Matratzen, auf denen aber 30 Menschen hausen müssen. Die Gefängniszellen haben keine Fenster, 16 Stunden am Tag ist es dunkel. Die meiste Zeit verbringt der Ingenieur liegend, wenn er wach ist, liest er immer wieder die wenigen Bücher, die er besitzt, oder löst Sudoku, die er selbst entworfen hat. Er lebt mit Schwerverbrechnern, wie Mördern, Vergewaltigern und Drogendealern in einem Raum. Er bekommt mit, wie Schwerkriminelle entlassen werden, und er bleiben muss. Über die hygienischen Verhältnisse möchte er nicht reden. „Das war das Schlimmste, was man sich vorstellen kann“, sagt er und blickt nachdenklich. Er sieht auch, wie Menschen zusammenbrechen und sterben.

Amnesty International berichtet bei einem Report 2021/2022 über schwere Menschenrechtsverletzungen, darunter willkürliche Inhaftierungen, grausame und unmenschliche Behandlung von Gefangenen, Unterdrückung des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Verletzung des Rechts auf Privatsphäre vonseiten der staatlichen Stellen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Gerichte fällen demnach willkürlich Todesurteile, es gibt Hinrichtungen.

Revision abgelehnt

Das Konsulat rät, mit einem neuen Anwalt in Revision zu gehen – nach 15 Verhandlungen wird sein Widerspruch abgewiesen. Immer wieder flammt Hoffnung auf und erlischt. Kellouche versucht, sich mit dem Kläger zu einigen. Er habe dem Scheich sogar eine große Summe Geld gezahlt, sei aber vom Scheich hereingelegt worden und sei trotzdem nicht freigekommen. Die Einigung misslingt, stattdessen kommen neue Vorwürfe. „Man hat versucht, mich zu zermürben.“ Im ersten Jahr seiner Haft denkt der Coburger an Selbstmord, er verwirft aber den Gedanken. Nach einem Jahr in  Haft wächst sein Wille, zu überleben.

„Ich habe gesagt, ich werde diese Sache durchstehen und durchhalten und herauskommen und wenn es 25 Jahre dauert.“

Ab dem Jahr 2020 schaltet sich die Presse ein und macht den Fall öffentlich, auch das Fernsehen berichtet. Die Haftbedingungen verschlechtern sich daraufhin für Kellouche noch einmal. Der Coburger muss nun zwei weitere Jahre unter miserableren Umständen ausharren.

Am 8. März 2022 wird der Generalkonsul zum Herrscher des Landes geladen. Am selben Tag erfährt Kellouche, dass er freikommen soll. „Ich konnte das am Anfang gar nicht glauben, ich hatte ja so viele Hoffnungsschimmer gehabt, die immer wieder zerstört wurden.“ Das Bangen und Hoffen dauert noch zwei Monate an: Am 12. Mai 2022, nach 1733 Tagen und 41.592 Stunden wird er aus der Gefangenschaft entlassen. All seine Notizen, die er über die Jahre hinweg aufgeschrieben hatte, werden weggeschmissen, seine Kleidung, seine Koffer bekommt er nicht zurück. Er besitzt nichts mehr, als er in Deutschland ankommt. Kleidung für den Flug leiht ihm ein Mitgefangener.

„Ich möchte die Leute warnen, in Dubai, in den Emiraten kommt man wegen Kleinigkeiten ins Gefängnis. Es ist ein Land, das nicht einmal die Menschenrechtscharta unterschrieben hat. Dort hält man sich an keine internationale Rechte.“

Arbeit dringend gesucht

Jetzt, drei Monate nach dem Ende seines Albtraums, sitzen wir auf den Arkaden in Coburg. Die Sonne scheint an diesem herrlichen Sommertag. „Es geht mir gerade erstaunlich gut und ich genieße jeden Moment der Freiheit“, sagt Kellouche. Er wolle seine Geschichte erzählen, eventuell ein Buch schreiben, über die Jahre, die ihm willkürlich gestohlen wurden. Ein wichtiges Anliegen hat er. „Was ich jetzt dringend brauche, ist eine Arbeit“, sagt der ehemalige Geschäftsführer.„Ich schreibe täglich Bewerbungen, aber durch die Lücke in meinem Lebenslauf bekomme ich bisher nur Absagen. Wer also eine Stelle für mich hat, der darf sich sehr gerne bei mir melden.“ Eine Arbeit fehlt Kellouche noch, aber ansonsten ist er fast wieder zurück im Leben.

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