Grenzerfahrungen: Akzeptanz statt Perfektion #55

Leben mit Alopecia Areata

Birgit Reh ist eine fröhliche und selbstbewusste Frau. Das war nicht immer so. Bis sie sich akzeptieren konnte, war es ein langer und nicht einfacher Weg. Reh leidet an kreisrunden Haarausfall, Alopecia Areata. Heute zeigt sie ihre Glatze ohne Scheu.

Als Birgit Reh die Tür öffnet, trägt sie eine Perücke. Wer die 55-Jährige nicht kennt, ahnt nicht, dass ihr Kopf kahl ist. Rehs Geschichte beginnt in ihrer Kindheit. Ende der 1970er-Jahre, sie ist etwa zehn Jahre alt, bemerkt sie zum ersten Mal den Haarausfall. Auf ihrem Kopf haben sich kahle Stellen in der Größe eines Fünfmarkstückes gebildet. Die Mutter und die Großmutter bringen das Kind zum Arzt. Sie bekommt alle möglichen Mittel verschrieben, von Homöopathie über Bestrahlungen bis zu Cortison-Tinkturen. Ein Dermatologe stellt fest, dass sie an Alopecia Areata leidet. Die Ursache für diese Erkrankung ist bis heute nicht geklärt, aber Mediziner gehen davon aus, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt. Das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper, im Fall von Birgit Reh gegen die Zellen der Haarwurzel.

Der Haarausfall kommt und geht

Rehs Haarausfall verläuft schubweise und verschwindet auch zum Teil; sie kaschiert kleine Stellen im dunklen Haar mit Kosmetika. „Damals hätte ich nie gedacht, dass das einmal so ausufern wird“, erinnert sie sich. Es gibt immer Lichtblicke. Als sie mit 21 Jahren heiratet, sind die Haare nachgewachsen. „Ich habe mich richtig gut gefühlt, hatte aber auch Angst, dass der Haarausfall zurückkehrt.“ Durch den Hormonschub in ihrer Schwangerschaft wird ihr Haar sogar richtig voll. Doch leider ist dieser Zustand nicht von Dauer. Nach der Geburt ihres Kindes fallen die Haare büschelweise aus. Jetzt sind große, kahle Stellen auf dem Kopf zu sehen. „Da habe ich schon die Panik bekommen“, räumt sie ein. Das ist auch kein Wunder, Reh ist erst Anfang 20 Jahre, als sie immer mehr Haare verliert. Jahrelang kontaktiert sie Fachärzte, besucht die Hautkliniken und nimmt verschiedene Präparate ein. Allerdings ohne den gewünschten Erfolg.

Das Schlüsselerlebnis

Schließlich landet sie im Wartezimmer einer Immunologin in Erfurt. Sie sitzt einer jungen Frau mit zwei kleinen Kindern gegenüber. Reh erfährt: Die Frau hat unheilbaren Krebs im Endstadium. „Dagegen war mein Problem plötzlich winzig. Da denkst Du ganz anders darüber nach. Es sind bei mir nur die Haare“, sagt sie. Als Reh selbst zur Untersuchung kommt, sagt die Ärztin, dass durch die jahrelange Einnahme von Medikamenten ihre Leber und ihre Nieren geschädigt seien. „Die Ärztin meinte, wenn ich so weitermache, bin ich eines Tages an der Dialyse.“ Es macht klick im Kopf, Reh setzt die Mittel ab. Jetzt gehen die Haare erneut extrem aus. „Ich habe ausgesehen, wie nach einer Chemotherapie.“ Dennoch, sie beschließt, ihre Glatze zu akzeptieren. Ihre Familie und ihre Freunde unterstützen sie bei dem Prozess.

Wer mich so nicht akzeptiert, der soll eben weiterlaufen.

Sie schaut nachdenklich. Es sei keine Liebe, wenn der kahle Kopf für den Partner ein Problem sei. Egal, ob Haare oder nicht, es ändere nichts am Charakter oder am Menschen. „Wer mich so nicht akzeptiert, der soll eben weiterlaufen.“ Zunächst trägt sie Tücher und andere Kopfbedeckungen, später auch Perücken. „Wenn Du ausgehst und Dich zurechtmachst, gehört die Perücke dazu.“ Beim Sport bedeckt eine Mütze den Kopf. Die wenigen weißen Haare, die nachwachsen, werden jeden zweiten Tag unter der Dusche abrasiert. Birgit Reh möchte anderen Menschen mit ihrer Geschichte Mut machen. Wichtig seien die Ausstrahlung und der Charakter eines Menschen. Auf keinen Fall sollte man sich zu Hause verkriechen und verstecken. Sondern offen mit der Krankheit umgehen und seinen Lebensmut behalten. Wer sich selbst annehme, werde auch von anderen angenommen. Davon ist sie überzeugt.

 

Du musst Dich damit arrangieren. Du musst lernen, Dich so zu akzeptieren, wie Du bist und das war am Anfang schon schwer, denn ohne Haare fühlst Dich als Frau minderwertig.

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