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HIER WOHNTE… #27

… ein selbstbewusster Amtsbote

Die Wände der Werkstatt sind grau bis unter die Decke. Sie sind Zeugen der mühevollen Arbeit eines Drechslermeisters im ausgehenden 19.Jahrhundert. Der rostige Werkstattofen mag ein bisschen Wärme in den Raum im Hinterhof des Hauses Hinterm Marstall 3 gebracht haben, hier an einen Ort, an dem Treppengeländer und Stuhlbeine entstanden sind.

Heute ist die alte Werkstatt der ganz besondere Partyraum der Familie Gottfried. Die Wände sind nicht vom Schmutz befreit, sie durften ihre Patina behalten und wurden konserviert. Zusammen mit dem riesigen Tisch in der Mitte des Raumes und den vielen kleinen Accessoires darum herum wirkt der Raum wie aus der Zeit gefallen. Hinten in einer Ecke steht sogar noch der Arbeitstisch von Otto Amberg (Siehe Bild Seite 5). Einen besonderen Blick hatte man früher wie heute. Denn die Werkstatt steht im Innenhof des Anwesens. Die Aussicht auf den grünen Rasen, die auf Sandstein angelegte Sitzecke und die geschwungenen Strauchbeete hatte der Handwerker freilich nicht. Im 19.Jahrhundert wurden in den Innenhöfen der Stadt Salat und Kartoffeln angepflanzt und die Hasen- oder Hühnerställe ausgemistet. Zeit zum Müßiggang und Ausruhen im gemütlichen Garten? Eher nicht.

Viele Male wechselte das Haus, dessen Anfänge bis ins 16.Jahrhundert zurückgehen, den Besitzer. Immer wieder wurde es den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Stockwerke wurden aufgesetzt, Laubengänge errichtet, Innenausbauten vorgenommen. Um das Jahr 1838 ließ der Amtsbote Christian Moritz ein neues Portal mit aufgesetztem Relief und Inschrift anbringen. Schließlich möchte der Bürger mit der neu gestalteten Fassade zeigen, dass nun der Wohlstand eingekehrt ist in dieses ehemalige Handwerkerhaus. „Quaenam sors est sine invidia“. Übersetzt frei: „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten“. Die bemerkenswert selbstbewusste Aussage eines städtischen Angestellten. Aber vielleicht musste auch Christian Moritz schon damals einiges Geld aufbringen, um das immer wieder in Schieflage geratende Haus zu stabilisieren.

Die ganze Straße Hinterm Marstall befindet sich auf einem mittlerweile verrohrten Bachlauf aus Richtung Leopoldstraße kommend. Aus diesem im Volksmund genannten „Stetzebach“ wurde im Laufe der Zeit „Stetsambach“ und die Straße der Stetzebachweg. Erst später bekam dieser zu Ehren des Coburger Prinzen Leopold einen neuen Namen. In den Talgassen Pilgramsroth, Probstgrund und Lange Gasse befanden sich mehrere Quellen, welche die Brunnen in der Innenstadt speisten. Diese Quellbächlein vereinigten sich in der Leopoldstraße zu einem Bach, der stets Wasser führte. Die Handwerker des Viertels kamen ungehindert an das notwendige Wasser für ihre Arbeit und die Pflege ihrer Kleingärten in den Hinterhöfen. Von großen Überschwemmungen und vollen Kellern ist schon im 17.Jahhrundert in der Stadtchronik zu lesen. Eine Verrohrung wurde notwendig, auch wenn man den Anwohnern damit den direkten Zugang zum Wasser verbaute. Im eigentlichen Sinne sind die Häuser hier auf Sumpfland gebaut. Deswegen sind die Wände im Inneren auch wirklich teilweise abenteuerlich schief.

So musste die Vorder- und Hinterseite des Hauses mit der Nummer 3 bei der Sanierung mit Stahlträgern gegeneinander abgestützt werden. Das Gefälle bemerkt man bereits beim Eintreten in den Hausflur, ab hier geht’s nämlich bergab in Richtung Innenhof. Achim Gottfried stört dies dennoch nicht. Als er zusammen mit seiner Frau 2010 das Haus kaufte, war die Aussicht von der Eingangstür durch den Flur in den Innenhof mit Garten Liebe auf den ersten Blick. Innenstadtnah und grün, genauso sollte das neue Zuhause für das Paar sein. Die zweijährige Sanierungszeit hat sich gelohnt. Auf sage und schreibe mittlerweile 6 Stockwerken entfaltet sich mit ebendiesen schiefen Fachwerkwänden und viel Licht und Holz eine moderne, gemütliche Wohnatmosphäre. Die bunten spanischen Patchworkfliesen im Eingangsbereich hätten sicher auch dem Amtsboten Moritz gefallen. Denn mitleidige Blicke erzielt man mit diesem prachtvollen Blick hinein in ein ungewöhnliches Haus ganz sicher nicht. Eher bewundernde.

Häuser, die mit Unterstützung der Gemeinschaft Stadtbild Coburg e.V. saniert worden sind – der COBURGER stellt sie vor: 2018 in jeder Ausgabe des COBURGER eines in unserer Reihe „Hier wohnte“.

von Heidi Schulz-Scheidt
Fotos: Sebastian Buff

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