Hier wohnte … #55

… eigentlich eine Kirche

Es hat mehrfach Eigentümer und Aussehen gewechselt und erstrahlt seit kurzem in neuem Glanz: das Haus Allee 1 in Coburg, das eigentlich eher den Anfang des Ensembles Rosenauer Straße bildet als den Beginn von Coburgs einziger Allee, die auf der anderen Straßenseite beginnend in Richtung Schloßplatz führt. Ein Gebäude, ein Grundstück, das viele Geschichten zu erzählen hat.

Die Fundamente des heutigen Geschäftshauses stammen aus der Zeit der spätmittelalterlichen Steinwegvorstadt von Coburg. Vom Gebäude aus dem 15. Jahrhundert selbst ist nichts erhalten, das Grundstück Allee 1 glich Mitte des 19. Jahrhunderts eher einer Großbaustelle. Neben dem heutigen Gebäude sollte ein sakraler Neubau entstehen: St. Augustin, eine eigene Kirche für die auf 600 Mitglieder angewachsene katholische Coburger Gemeinde.

Doch während der Bauarbeiten im Jahr 1854 stellte sich heraus: Der Boden war zu sumpfig und für den geplanten Kirchenneubau ungeeignet. Eine bemerkenswerte Fehleinschätzung der damaligen Verantwortlichen, die schnell einen neuen Standort ausfindig gemacht hatten: Die Kirche St. Augustin fand ihr Zuhause an ihrem heutigen Standort am Fuße des Festungsberges. Erbaut wie vorgesehen vom prominenten Coburger Architekten und herzoglichen Baurat Vincenz Fischer-Birnbaum, dessen Karriere also nicht im Morast der Steinwegvorstadt steckengeblieben war. Dort errichtete er nämlich, auch wie geplant, das neue Forsthaus des Forst- und Domänenamts, bis heute mit der Anschrift Allee 1. Immerhin kam beim Bau Material zum Einsatz, das vom begonnenen Kirchenneubau übriggeblieben war. Fischer-Birnbaum hatte zuvor schon viele Spuren in Coburg hinterlassen: das Landestheater Coburg gemeinsam mit dem Schinkel-Schüler Karl Balthasar Harres, Schloss Hohenfels, das auch noch von Harres geplant worden war, den ersten Abschnitt des Coburger Stadtfriedhofs, oder später auch Umbauten am Palais Edinburgh, dem heutigen Sitz der IHK zu Coburg. Gebäude, die das Stadtbild bis heute prägen. So wie das ehemalige neugotische Forsthaus in der Allee, einem zweigeschossigen Satteldachbau mit Zwerchhausrisalit, einem eigenen aus der Fassade hervorspringenden Giebel, als Besonderheit.

1920 ging das Haus Allee 1 ebenso wie der Eigentümer des Gebäudes, das Forst- und Domänenamt, im Rahmen des Staatsvertrages an den Freistaat Bayern. 1933 betrug die Jahresfriedensmiete für die damalige Bewohnerin, die Oberforstmeisterswitwe Elisabeth Sembach, 780 Reichsmark. Friedensmieten waren damals ein Kind von Wohnungsnot und Inflation und so etwas wie der heutige Mietpreisdeckel: Die eigentliche Miete wurde quasi festgeschrieben, nur Unterhalt und Instandsetzung kamen obendrauf.

Elisabeth Sembach lebte noch bis 1950 in dem Gebäude, das danach unterschiedlich genutzt wurde: Als Dentallabor, für verschiedene Praxen, von der HUK-Coburg und heute, nach einer Komplettsanierung in den letzten Jahren, von einer Coburger Steuerkanzlei.

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