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Krisensicher #41

EIN BESUCH BEI COBURGS GRÖSSTEM ARBEITGEBER IM PANDEMIE – JAHR 2020

Sie beschäftigt über 10 000 Arbeitnehmer. Es gibt nicht wenige Menschen in Deutschland, die Coburg nur wegen ihr kennen. Und sie ist mit ihren hohen Gewerbesteuerzahlungen so etwas wie eine Lebensversicherung für die Stadt: Die HUK-COBURG, Deutschlands größter KFZ-Versicherer, aber auch mit anderen Versicherungen für Privatkunden erfolgreich. Ein Interview von iTV-Coburg und dem COBURGER mit Klaus-Jürgen Heitmann, dem Vorstandssprecher der HUK-COBURG über Corona, Digitalisierung, neue Konkurrenten und über Coburg.

COBURGER: Als im März klar wurde, da kommt mit der Corona-Pandemie etwas auf uns alle zu, was keiner auf dem Schirm gehabt hat, wie unruhig haben Sie da geschlafen?

Klaus-Jürgen Heitmann: Wir haben uns sehr frühzeitig mit dem Thema beschäftigt und haben in der Konsequenz dann unseren internen Krisenfall ausgerufen. Glücklicherweise waren wir gut vorbereitet. Wir proben so etwas. Wir wissen zwar nicht, was wir an Krise managen werden müssen in der Zukunft, aber wir machen so etwas abstrakt vorher und haben dafür entsprechende Strukturen, auch Mitarbeiter abgestellt, die dann dieses ganze Thema auch händeln. Und das hat bisher sehr, sehr gut geklappt, wir sind auch bisher sehr gut durchgekommen, so dass ich, was das Thema angeht, bisher ganz gut schlafen konnte.

COBURGER: Wie hat man denn reagiert? Und was hat sich geändert seit damals?

Klaus-Jürgen Heitmann: Das dauert natürlich eine Zeit, bis man die Tragweite wirklich absehen kann. Aber nachdem wir die sich rasant erhöhenden Infektionszahlen gesehen haben, haben wir natürlich gesagt, als erstes geht es um die Sicherheit für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben dann innerhalb von sehr, sehr kurzer Zeit die Möglichkeit geschaffen, alle Mitarbeiter, die wir ins Homeoffice schicken konnten, tatsächlich auch ins Homeoffice zu schicken. Und das waren dann weit über 90 Prozent. Das war ein technologischer Kraftakt. Natürlich hatten wir dieses Szenario in der Tat nicht in der Schublade. Das haben wir aber sehr schnell geschafft. Ende März waren tatsächlich über 90 Prozent unserer Mitarbeiter Remote-tätig, bis auf wenige, die wir hier für den Betrieb unserer Gebäude brauchen. Und diesen Zustand haben wir dann bis etwa Juni aufrechterhalten. Nachdem dann die Infektionszahlen deutlich rückläufig waren, eröffneten wir die Möglichkeit zurückzukehren, aber in einer sicherheitsorientierten Organisation. Das heißt Zweierbüros immer nur mit einem Mitarbeiter belegt und auch Einhalten von Abstandsregeln. Seit Anfang Juli haben wir eine 50/50 Regelung. Im zweiwöchigen Rhythmus kommen die Mitarbeiter rein. Also bis auf die Risikogruppen sollen dann wirklich die 50 Prozent, die quasi Dienst haben, auch wieder vor Ort arbeiten. Damit ermöglichen wir wieder soziale Kontakte, die ja in vielerlei Hinsicht wichtig sind.

COBURGER: Ein wichtiges Thema in so einer Phase ist natürlich, dass man digital gut aufgestellt ist. Gab es eine Digitalisierungsschub in der HUK in diesem halben Jahr?

Klaus-Jürgen Heitmann: Ja, das glaube ich, kann man eindeutig bejahen. Wir haben die interne Organisation Remote- oder Homeoffice-fähig gemacht. Das Geschäft ist in den Phasen des harten Lockdown spürbar zum Erliegen gekommen. Aber spätestens Juli/ August wurde das zum Teil nachgeholt und das ganz, ganz besonders über digitale Kanäle. Das heißt, unsere HUK24 entwickelt sich außerordentlich erfolgreich mit sehr, sehr hohen Steigerungsraten. Da sieht man schon einen deutlichen Swing zu den digitalen Kanälen. Aber auch unsere stationären, unsere anderen Kanäle entwickeln sich sehr gut. Das heißt, wir sind aktuell, und das hätten wir nicht erwartet, sogar mittlerweile auf Vorjahresniveau oder sogar leicht drüber. Und das letzte Jahr war ja ein Rekordjahr für uns.

COBURGER: Sie haben es ja gesagt: bis Juni/ Juli gab es nicht so viel zu tun. Ist ja auch klar: es waren wenig Autos auf der Straße. Es gab weniger Unfälle. Das heißt, man hatte weniger zu tun und man musste auch nicht so viel Geld für Schäden ausgeben, oder?

Klaus-Jürgen Heitmann: Ja, das haben wir gemerkt. In den Phasen Ende März, April und Mai haben wir einen signifikanten Rückgang gerade bei den Autoschäden bemerkt, auch bei einigen anderen Sparten, aber vor allen Dingen beim Auto. Aber wir haben dann relativ frühzeitig gesagt, dass, wenn am Ende des Jahres signifikant etwas durch Corona übrigbleibt, wir das dann in der Autoversicherung z. B. auch an die Kunden zurückgeben. Danach sieht es im Moment aus, dass wir dieses Versprechen erfüllen werden können und unseren Kunden tatsächlich auch Beiträge zurückerstatten können. Allerdings müssen wir die Entwicklungen bis Jahresende abwarten.

COBURGER: Was sagen Ihre Branchenfreunde von anderen Versicherern dazu?

Klaus-Jürgen Heitmann: Das war in der Tat, ich will das mal so sagen, gemischt. Natürlich haben wir als reiner Privatkunden-Versicherer durchaus die glückliche Situation, dass viele Dinge, die in der Corona-Pandemie auch Versicherer treffen können, für uns kein Thema sind: Versicherungen für Betriebsschließungen oder Veranstaltungsversicherungen. Das haben wir alles nicht. Und so ist nun mal unser Selbstverständnis – wir sind ja ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, deswegen war das auch keine lange Diskussion –, dass wir daran die Kunden teilhaben lassen werden. Aber es hat – ich will das mal so sagen – mir sicherlich in der Branche nicht immer nur neue Freunde eingebracht.

COBURGER: Wir haben uns vor drei Jahren schon einmal unterhalten. Da haben wir gesprochen über die große Innovationskraft der HUK-COBURG, über das Online-Geschäft, Werkstattbindungen, die Autowelt, den Telematik-Tarif. Aber wenn man jetzt so zurückblickt, dann kommt das einem schon wieder vor wie eine alte Welt. Jetzt drängen neue Konkurrenten in die Versicherungsbranche aus Auto-Industrie oder auch IT-Unternehmen. Was bedeutet das jetzt für die HUK? Oder anders gefragt: Ist die HUK in zehn Jahren noch ein Versicherungsunternehmen?

Klaus-Jürgen Heitmann: Ja, das ist sie auf jeden Fall. Das bleiben wir im Kern ganz bestimmt, und hoffentlich auch in der Stärke wie heute. Aber wir wollen, und das haben wir ja auch angekündigt, dann mehr sein. Wir wollen dann nicht nur Versicherer sein. Wir wollen quasi für unsere Kunden Assistent in den relevanten Lebensbereichen werden. Und ein sehr relevanter Lebensbereich ist der Lebensbereich Mobilität, aber auch Gesundheit oder Wohnen und Zuhause. Deswegen arbeiten wir für unsere Kunden an weiteren Angeboten, zum Beispiel, was das Handeln mit Autos angeht oder eben auch Serviceangebote für Autos. Wir sind da dabei, haben auch viele Erfahrungen gemacht, haben auch viele Ansätze, die wir vielleicht vor drei Jahren verfolgt haben, auf dem Weg korrigiert.

Sie sprachen ja auch die Telematik an. Der Bestand ist mittlerweile kräftig gewachsen. Wir haben fast 300 000 Kunden. Wenn Sie sehen, welche rasante Entwicklung der Börsenkurs von Tesla genommen hat, dann bildet das sicherlich einen Teil dieser Logik ab, nämlich dass man morgen Kunden nicht nur, sag ich mal, mit schön anzuschauenden Karossen bedient, sondern mit Daten-basierten Dienstleistungen rund um Mobilität. All das ist in meinen Augen die Begründung für diese Entwicklung, gerade bei Tesla. Deswegen wird darüber auch gerade viel diskutiert. Ich bin froh, dass wir uns entschieden haben, da mit so viel Kraft zu investieren. Wir dürfen dabei natürlich nicht den Fehler machen, unser Kerngeschäft zu vernachlässigen. Das muss das bleiben, was es ist – gut und günstig. Im Ergebnis arbeiten wir heute an mehr Dingen als früher, weil wir den Fokus breiter stellen.

COBURGER: Neue Konkurrenten, Digitalisierung, Nullzinspolitik, Corona. Eine Herausforderung jagt die nächste. Das heißt, Sie müssen natürlich schnell reagieren und handeln. Dazu benötigt man die besten Leute. Um die gibt es einen großen Kampf, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Hat man am Standort Coburg gute Chancen, die besten zu kriegen?

Klaus-Jürgen Heitmann: Wir haben gerade in den letzten Jahren intensiv daran gearbeitet, auch unsere Marke nicht nur für Endkunden als Versicherungspartner, sondern auch als Arbeitgeber zu schärfen. Und das ist gut gelungen. Das heißt, wir haben aktuell im Regelfall keine wirklich großen Probleme, die richtigen Leute zu finden. Bei bestimmten Fach-Profilen ist das durchaus mal anspruchsvoll – viele Leute kennen Coburg noch nicht aus eigener Erfahrung. Wir haben aber eine Situation, dass, wenn man Coburg und die HUKCOBURG kennenlernt, die Leute dann sagen „Ach, hier gefällt es mir, hier ist es schön.“ Aber natürlich, da hilft jetzt kein Vertun: Wir sind so ein bisschen fernab der großen Metropolen und es gibt halt viele Leute, die, wenn wir mit ihnen ins Gespräch kommen, sagen, „ich war noch nie in Coburg, ich kenne es nicht.“ Dann sagen wir: „Kommen Sie mal hierher, wir zeigen Ihnen das mal.“ Und dann ist das meistens dann auch ganz angenehm.

COBURGER: Die HUK-COBURG zahlt ja auch viel Gewerbesteuer, ist größter Arbeitgeber. Wie oft haben Sie sich denn schon mit dem neuen Oberbürgermeister Dominic Sauerteig getroffen?

Klaus-Jürgen Heitmann: Wir haben uns natürlich schon gesehen und ich kann nur sagen, er hat auch selbst das Gespräch mit uns gesucht. Das fand ich sehr, sehr positiv.

COBURGER: Wie hoch ist denn der Anteil der HUK-COBURG an der Gewerbesteuer der Stadt? 50%? 70%?

Klaus-Jürgen Heitmann: Es ist ein wirklich sehr beträchtlicher Teil. Es ist mehr als die Hälfte in den letzten Jahren. Aber wir gehen davon aus, dass die Stadt sehr gut und sehr genau weiß, was sie mit den Steuereinnahmen zu tun hat. Die Stadt ist in einer vorteilhaften Situation aufgrund der Steuerkraft auch der HUK-COBURG, aber auch vieler anderer guter Unternehmen, die hier dazu beitragen. Und wir sehen das ja: Coburg ist wirklich eine gepflegte Stadt. Wir haben viel Infrastruktur, das ist aber zugleich die Herausforderung, dass das so bleibt. Und das formulieren wir dann auch, dass wir einfach die Erwartung haben, dass – bei allen Schwierigkeiten, so etwas heute umzusetzen – die Innenstadt und Handel attraktiv bleiben. Auch das gastronomische Angebot muss auf dem jetzigen Niveau bleiben. Denn das ist das, was wir neben der Attraktivität des Jobs und des guten Wohnumfeldes unseren Bewerbens perspektivisch aufzeigen. Das ist bisher sehr gut gelungen. Coburg ist sehr, sehr lebenswert, das kann ich aus tiefer Überzeugung sagen. Aber wir müssen weiter daran arbeiten. Es gibt viele Aufgaben, die brauchen auch Geld.

COBURGER: Aber es gibt natürlich Szenarien, die sagen, es wird eng in den nächsten Jahren aufgrund der aktuellen Situation. Sehen Sie vor diesem Hintergrund die Ausgaben-Mentalität mit vielen größeren Maßnahmen der Stadt Coburg auch mit Sorge?

Klaus-Jürgen Heitmann: Also da habe ich den Eindruck, dass die Stadt sich dessen sehr bewusst ist. Bei dem einen oder anderen fragt man sich natürlich „Muss das sein?“ Aber das ist auch die Verantwortung der Stadt, damit umzugehen. Es gibt einige Großprojekte, die jetzt anstehen. Eines von den Großprojekten haben wir ja selber mit auf den Weg gebracht. Ich freue mich sehr, dass das gelungen ist. Aber auch das ist die Verantwortung der Stadt. Da mischen wir uns in diesem Sinne auch nicht ein.

COBURGER: Sie haben es gerade angesprochen, das eine Großprojekt, das Sie gemeinsam mit zwei anderen großen Unternehmen entscheidend nach vorne gebracht haben, ist das Globe, die Interimsspielstätte für die Zeit des Umbaus des Landestheaters Coburg. Wie sehr freuen Sie sich darauf?

Klaus-Jürgen Heitmann: Die Motivation war, dass das Globe nicht nur ein Ersatzbau sein soll, sondern ein vielleicht neues Wahrzeichen mit neuer Strahlkraft für Coburg und daran glaube ich auch fest. Ich bin den beiden Unternehemerkollegen der anderen zwei Unternehmen, die sich ebenfalls finanziell beteiligt haben, dankbar. Ich bin sehr froh, dass wir das geschafft haben. Herr Stoscheck und Frau Vlantoussi-Kaeser haben sich beide sehr stark engagiert. Der Spatenstich erfolgt bald und ich freue mich auch, wenn wir dann eine ansprechende Gestaltung des gesamten Geländes bekommen. Uns dreien liegt ebenfalls am Herzen, dass wir dort ein neues Vorzeigegebiet von Coburg bekommen, um die langfristige Attraktivität vor allen Dingen für junge Leute zu erhalten. Das war eine sehr starke Motivation. Das Gute ist, ich glaube, Coburg kann sich das auch leisten, und das ist schön.

COBURGER: Zur Attraktivität der Stadt gehört auch, gerade wenn sie junge Leute ansprechen, dass man fahrradfreundlicher wird. Man arbeitet daran auch. Haben Sie als Deutschlands größter KFZ-Versicherer damit aber nicht auch ein kleines Problem, dass man das Auto, ich will nicht sagen verteufelt, aber ein bisschen herausdrängen möchte?

Klaus-Jürgen Heitmann: Ich glaube, das ist eine Entwicklung, die sich zunächst einmal vor allen Dingen in den großen Metropolen vollzieht, die man allerdings auch deutlich beobachten kann. Und negativ finde ich das natürlich nicht. Insgesamt finde ich das gesellschaftlich sehr erstrebenswert, wenn wir einen Mobilitätswandel hinbekommen – und wenn Fahrräder dort eine große Rolle spielen, sehr gern. Natürlich müssen wir uns das hier in einer Verantwortung bei der HUK-COBURG aber sehr genau anschauen, was das bedeutet. Das Thema ist der Wandel hin zu anderen Mobilitätsformen. Da ist auch eine veränderte technologische Ausstattung von Autos, Stichwort autonomes Fahren, und damit weniger Unfälle. Das sind alles Aspekte, die müssen wir genau verstehen, um zu wissen, was das für die HUK bedeutet. Und das ist letztendlich auch der Grund, weswegen wir sagen, dass wir glauben, dass Mobilität sich sehr deutlich im Wandel befindet und deswegen müssen wir die HUK auch breiter aufstellen.

COBURGER: Fahren Sie auch selbst mal mit dem Fahrrad zur Arbeit?

Klaus-Jürgen Heitmann: Ja, jetzt muss ich mich allerdings outen. Zur Arbeit fallweise schon mal, aber wir haben gerade in der Corona-Zeit die ganze Familie mit Fahrrädern ausgestattet mit E-Motoren. Das macht mir wahnsinnig Spaß. Den Kids macht es unheimlich Spaß. Wir haben den Hofgarten für uns entdeckt, den ich vorher nicht so genau kannte. Wunderschön. Und ich wünschte mir, dass ich noch mehr Zeit hätte, Fahrrad zu fahren.

COBURGER: Die HUK-COBURG ist Hauptsponsor des HSC 2000 Coburg, der in diesem Jahr wieder erste Liga spielt. In diesen Tagen geht die neue Saison los. Was erwarten Sie denn?

Klaus-Jürgen Heitmann: Spannende Frage. Zum einen wünsche ich den Jungs jetzt viel, viel Glück. Und natürlich ist die Herausforderung, die Klasse zu halten. Wenn das gelingt, freuen wir uns alle. Das deutsche Oberhaus des Handballs, das wird ja gemeinhin gesagt, das ist die härteste Liga der Welt. Also wenn wir dort schaffen dabeizubleiben, wäre das ein großer Erfolg. Ich freue mich einfach auf viele spannende Spiele, hoffentlich irgendwann auch wieder mit normalen Zuschauern-Kulissen. Das ist es ja, was Coburg so attraktiv macht, dass wir hier solche Sportevents haben. Und ich drücke jetzt einfach die Daumen.

COBURGER: Herzlichen Dank.


Das Interview führte Wolfram Hegen Ende September in der HUK-COBURG geführt. Für die Veröffentlichung im COBURGER wurde es redaktionell bearbeitet und gekürzt. Das komplette Interview finden sie auf www.itv-coburg.de

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