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Krisenzeiten – Ruin oder Chance? #38

Krisenzeiten – Ruin oder Chance?

Der Jahreswechsel liegt noch nicht lange zurück. Wir haben uns zugeprostet und ein gesundes, neues Jahr gewünscht. Nur wenige Wochen später wütet ein neues Virus mit dem Namen SARS-CoV-2 weltweit und stellt unser aller Leben komplett auf den Kopf. Plötzlich herrscht der Katastrophenfall, es gelten Ausgangsbeschränkungen, Geschäfte müssen schließen, das öffentliche und kulturelle Leben steht fast still.

Jetzt ist Frühling, die Temperaturen steigen, die Sonne strahlt vom Himmel: Eigentlich beginnt für Christine Grempel, Wirtin der Schäferstuben, die Biergartensaison. Doch das Kleinod in Ahorn ist wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Damit fällt nicht nur das Tagesgeschäft weg, auch Familienfeiern und feste Termine sind ersatzlos gestrichen. „Die ersten Wochen hat es vor Stornierungen nur so gehagelt,“ berichtet die Wirtin. Auf Abhol- oder Lieferservice kann sie nicht umstellen, denn dazu sind Speisen nicht geeignet und es wäre zu viel Aufwand. Zu den finanziellen Einbußen kommt die Verantwortung für Mitarbeiter, außerdem fallen laufende Kosten an oder verderbliche Ware muss dennoch verarbeitet werden. „Natürlich bedroht die Krise mittelfristig unsere Existenz,“ sagt Grempel. Finanzielle Hilfen von Bund und Land gibt es zwar, aber die helfen Gastronomen nur über eine kurze Durststrecke hinweg. „Jetzt kommt es darauf an, wie lange die Gaststätten geschlossen bleiben müssen,“ sagt Grempel.

Von drastischen Auswirkungen berichtet auch Ngan Nguyen vom Restaurant Michido am Albertsplatz in Coburg. „Die aktuellen Einnahmen decken bei Weitem nicht die laufenden Kosten, denn auch wir müssen unsere Verpflichtungen erfüllen,“ sagt sie. Zwar gäbe es Stundungsmöglichkeiten, die hätten aber nur einen aufschiebenden und keinen aufhebenden Charakter, erklärt sie ihre Situation. Für den To-Go-Service muss Nguyen Personal bereithalten, obwohl das Restaurant nur noch eingeschränkt geöffnet ist. Ihre fest angestellten Kräfte arbeiten soweit es geht bereits in Kurzarbeit. „Alle Aushilfskräfte wurden bis auf Weiteres freigestellt und verdienen entsprechend nichts,“ bedauert Nguyen. Dennoch flammt ein Funken Optimismus auf: Sollte der Shut-Down nicht länger als bis Ende April andauern, dann könnte das Michido mit einem blauen Auge davonkommen. „Im Moment hilft das To go-Geschäft , um nicht den Mut zu verlieren und das Personal ein wenig zu beschäftigen.“

RETTE DEINEN LIEBLINGSLADEN

„Je länger die Ladenschließungen andauern, desto existenzbedrohender wird die Lage für uns und unsere 13 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“, sagt auch Martin Vögele, Geschäftsführer der Buchhandlung Riemann. Die Türen des Coburger Traditionsgeschäft es sind verschlossen, aber Bücher können telefonisch oder per E-Mail bestellt und portofrei geliefert werden. „Wir verfügen zum Glück über einen hervorragenden Online-Shop und liefern schneller als die meisten großen Online-Händler,“ so Vögele und fügt hinzu: „Wir sind überwältigt von der großen Solidarität unserer Kunden. Die Bestellungen in unserem Online-Shop haben sich signifikant erhöht und auch per Telefon sowie per E-Mail erhalten wir viele Bestellungen.“

In der Krise gibt es neue Ideen, zum Beispiel eine neue Seite www.rette-deinen-lieblingsladen.de, auf der auch die Buchhandlung Riemann vertreten ist. Hier können die Kunden Gutscheine für verschiedene Coburger Geschäfte und Gaststätten erwerben und helfen somit den Innenstadtakteuren, Liquiditätsengpässe zu überwinden.

IN DER BOOM-PHASE KALT ERWISCHT

Die Agentur Streckenbach gehörte zu den ersten in der Branche, die von dem „Shut-Down“ betroffen waren und das mit voller Wucht, sagt Geschäftsführer Oliver Schneider. „Die Welt von Kunst-, Kultur- und Entertainment steht still. Es hat uns und alle Kollegen und Kolleginnen kalt erwischt.“ Ironischerweise seien „aus der totalen Boom-Phase“ Events aller Art durchweg abgesagt worden. Dennoch lässt Schneider den Kopf nicht hängen. „Wir sind flexibel und wir werden es schaffen, da wieder rauszukommen, wir ziehen alle Register.“ Und er hofft , dass nach „Corona“ die Kleinkunst zügig öffnen darf. „Damit wäre uns schon geholfen.“

Auch das Studio von Nadja Kücker, Yogalehrerin, Inhaberin und Leiterin der „Yogate Akademie“, bleibt leer: Yogastunden, Kurse oder Lehrgänge sind abgesagt und damit fallen die Einnahmen weg. „Außerdem fehlt mir persönlich der Kontakt mit den Yogis auf der Matte, das Unterrichten, die von Glück erfüllten Menschen, die nach einer Yogastunde das Studio wieder verlassen,“ sagt sie.

INTERESSANTE MÖGLICHKEITEN

Kücker hat reagiert, die Yoga Online Portale beobachtet und dabei festgestellt, dass es für Kinder fast keine Angebote gibt. Daraufhin hat sie zwei Yogavideos online gestellt. „Die Resonanz war großartig, ich habe so viele Bilder und Videos zugesendet bekommen. Sogar die Erwachsenen haben die Kinderyogavideos mitgemacht,“ freut sie sich. Deshalb folgten Yogavideos für Erwachsene, entstanden sind zehn Videos unterschiedlicher Länge und Schwierigkeitsstufe, die kostenfrei auf youtube gestellt wurden, außerdem laufen zwei- bis dreimal wöchentlich Live-Videos über Instagram.

„Diese besondere Zeit, die alle vor neue Herausforderungen stellt, bietet auch andere interessante Möglichkeiten“, sagt sie und fügt hinzu: „Trotzdem kann ich es kaum erwarten, die Türe meines Yogastudios wieder aufzuschließen und alle auf der Matte in echt zu erleben.“

Unser Fazit: Trotz aller Tragik sehen viele in der Krise auch eine Chance und blicken zuversichtlich in die Zukunft . Die Wirtin der Schäferstuben Christine Grempel sagt: „Ich würde mir wünschen, dass dieser Zusammenhalt, die Toleranz und die Achtung jedes Einzelnen weiter in unserer Gesellschaft erhalten bleiben. Jeder von uns hat im Moment sein Päckchen zu tragen, aber die Gewissheit, dass man nicht alleine ist, sondern dass es vielen so geht und wir alle wieder neu durchstarten müssen, können und wollen, macht es für mich persönlich leichter. Die Erfahrung, dass eben nicht alles selbstverständlich ist, wird uns hoffentlich prägen und etwas mehr Dankbarkeit zu Tage fördern.“

Ob die Wünsche der Wirtin zumindest ein bisschen in Erfüllung gehen, wird sich zum Jahreswechsel zeigen. Dann werden wir uns wieder zuprosten und uns mehr denn jemals zuvor ein gesundes, neues Jahr wünschen.

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