Mit Mut zum Risiko – Sabine Friedrich im Interview #49

… und Mut hat Bestseller-Autorin Sabine Friedrich reichlich. Wir haben sie zuhause in Coburg besucht.

Eine bewachsene Mauer grenzt das Grundstück zur Straße hin ab. Durch eine hellblau gestrichene Tür gelangen wir in den Garten. „Klopfen Sie an die Terrassentür“, hat Sabine Friedrich am Telefon gesagt. Ein Golden Retriever empfängt uns freundlich bellend und schwanzwedelnd. Ihm folgt seine Besitzerin: Sabine Friedrich, groß, schlank, kurze Haare, sie ist eine charismatische Frau, die uns herzlich begrüßt.

Einladend und gemütlich ist ihr Zuhause in Coburg, ein älteres Haus, das sie und ihr Mann mit viel Liebe saniert haben. Hier also schreibt die Autorin einen großen Teil ihrer Romane. Mehr als ein Dutzend Bücher hat sie verfasst, seit der Erscheinung ihres ersten Werks „Das Puppenhaus“. Hochgelobt sind Friedrichs Werke in den Feuilletons namhafter Zeitungen und Magazine. Das bekannteste Buch „Wer wir sind“ ist 2012 erschienen und widmet sich dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sechs Jahre lang hat Friedrich an dem über 2000 Seiten zählenden Roman geschrieben. Mit einer Trilogie setzt sie 2019 das Thema fort und schließt es 2021 mit dem Band „Die Nacht hat zwölf Stunden“ ab.

Raus aus der Enge und dem Spießbürgertum

Sabine Friedrich wird 1958 in Coburg geboren, hier verbringt sie ihre Kindheit und Jugend. Nach dem Abitur am Gymnasium Alexandrinum zieht es sie hinaus in die Welt. „Ich habe schon mit 13, 14 Jahren gewusst, dass ich nach dem Abitur nach Asien möchte“, erzählt sie. Zu eng, zu spießig und zu provinziell empfindet sie das Coburg der 1970er-Jahre. Bereits im letzten Abiturjahr verbringt sie viel Zeit in Berlin. Und früh steht für sie fest: Ein gewöhnlicher Beruf kommt nicht infrage, das wäre viel zu schnell langweilig.

„Ich wollte keinen normalen Beruf haben, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mein Leben lang einen sehr berechenbaren Alltag zu haben. Aber genau das hat man natürlich als Autorin.“

In München studiert sie Germanistik und Anglistik, sie unterrichtet als Sprachlehrerin am Goethe-Institut München, promoviert 1989 und arbeitet anschließend als Redakteurin einer Frauenzeitschrift. 1993, ein Jahr nach ihrer Hochzeit, wird ihre Tochter Alena in Hamburg geboren. Die Familie zieht nach Oslo, hier beginnt Friedrich mit dem Schreiben ihres ersten Romans. 1996, nach der Trennung von ihrem ersten Ehemann, kehrt Friedrich allein mit ihrer Tochter nach Coburg zurück „Ich bin hierher zurückgekommen, weil Coburg so viel billiger war als Hamburg oder Oslo, und weil meine Eltern hier lebten und ich mir gesagt habe, da muss meine Tochter nicht in eine Krippe, sondern wir bekommen das zusammen hin.“

In Coburg hat sich in der Zwischenzeit sehr viel verändert, Friedrich lebt sich schnell wieder ein. „Coburg ist eine großartige Stadt, um Kinder großzuziehen“, sagt sie. Dennoch ist der Aufenthalt in der Heimatstadt nur vorübergehend geplant, solange bis sie als Autorin halbwegs etabliert ist. Ihr erster Roman „Das Puppenhaus“ erscheint 1997 und kombiniert Aspekte eines Frauen- und Heimatromans mit Krimi-Elementen und Humor. Im Grunde hat Friedrich den Heimatkrimi erfunden, ein Genre, welches es damals so noch nicht gab. In Coburg lernt Friedrich ihren zweiten Mann Matthias Lossmann kennen, und sie bleibt auch der Liebe und der Kinder wegen (Lossmann bringt einen Sohn mit in die Ehe) hier und schreibt weiter Bücher.

„Wer wir sind“ – wie alles beginnt

Im Jahr 2007 erscheint ihr Roman „Immerwahr“, der sich dem letzten Abend der deutschen Chemikerin und Jüdin Clara Immerwahr widmet, Immerwahr promovierte 1900 als erste Deutsche an der Universität Breslau in Chemie. Aus dem Roman entwickelt Friedrich gemeinsam mit einer Freundin, der Schauspielerin Anja Lenßen, das Ein-Frau-Theaterstück „Immerwahr“ für das Coburger Landestheater.

Die Figur der Clara Immerwahr bringt Friedrich auf die Idee, ein weiteres Theaterstück, dieses Mal über drei Frauen des 20. Juli 1944, demTag des Attentats auf Adolf Hitler, zu schreiben. Friedrich beginnt zu recherchieren und zu lesen, unter anderem beschäftigt sie das Gestapo-Album zur Roten Kapelle. (Mit der Roten Kapelle bezeichneten die Nationalsozialisten Menschen, die auf unterschiedlichste Weise dem NS-Regime Widerstand leisteten).

„Plötzlich hat sich ein Loch aufgetan, ich bin vollkommen versunken und mich hat nichts anders mehr interessiert als dieses Thema.“ Friedrich begibt sich auf Spurensuche nach Berlin, in die Stadt des Widerstandes, sie will allein sein mit ihren Figuren und beginnt „völlig ins Blaue“ zu schreiben.

„Wenn ich zu einem Verleger gesagt hätte, ich habe jetzt schon 1000 Seiten Text und ich willnoch mehr schreiben, dann hätte man mich womöglich nicht zum Weiterschreiben ermutigt.“

Sechs Jahre lang schreibt Friedrich an „Wer wir sind.“ Es geht ihr vor allem um die Motive der Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen den Nationalsozialismus riskiert haben. Was befähigt diese Menschen Widerstand zu leisten? Was treibt sie an? Das sind die Fragen, die Friedrich nicht mehr loslassen.

Die Stauffenbergs, die Moltkes, die Bonhoeffers, die Schulze-Boysens sind fortan immer präsent. Friedrich ist vollkommen ergriff en von den Schicksalen, obwohl sie eigentlich nicht damit rechnet, dass ein Verlag das Buch überhaupt publizieren möchte. „Ich dachte, ich bleibe auf dem Skript sitzen, zu viele Figuren, zu viel Tod, zu viele Hinrichtungen“, sagt sie. Aber egal:

„Ich schreibe dieses Buch und wenn es das Letzte ist, was sich mache. Ich wollte das letzte Wort nicht den Tätern überlassen.“

Die Gewissheit, dass Menschen den eigenen Tod vor Augen haben, und wie sie das bewältigen, verändert Friedrichs Perspektive auf die Welt. Als das Buch 2012 veröffentlicht wird, wird es hochgelobt von Lesern wie von Kritikern. Auch zehn Jahre später hält Friedrich noch Lesungen, bekommt Post, und sie stellt fest, dass die Leser die Lektüre keineswegs als deprimierend empfinden. „Ich glaube auch, es ist ein Buch, das nie verschwinden wird.“ Ja klar, sagt sie, der Leser müsse sich auf dieses monumentale Werk mit vielen Figuren einlassen und den Mut haben, darin einzutauchen.

Apropos Mut: Für Friedrich ist Mut die Grundeigenschaft für ein gelungenes Leben überhaupt. Und Mut hat sie reichlich.

„Ich kann alles fallen lassen, ich kann aufstehen, wie ich bin und in die Welt wandern. Das habe ich mehr als einmal gemacht, ich habe keine Angst. Ich denke immer, das Leben trägt mich.“

Wer ständig Bedenken vor sich hintrage, nichts riskiere, habe die Hände nicht frei. Davon ist sie überzeugt.

Zurück in die 1970er-Jahre

Nach „Wer wir sind“ schreibt sie „Epilog mit Enten“, ihr einziges Buch, das sie als autofiktiv bezeichnet. Friedrich blickt zurück auf das Jahr 1976 und auf eine unmögliche Liebe. Sie, die 18-jährige Schülerin aus dem Westen und er, 25 Jahre alt und ein kleiner Dealer. Die Leser erkennen das Coburg der 1970er-Jahre ebenso wie das Berlin dieser Zeit. Friedrich nimmt die Leser mit auf einen Hippie Trail durch eine wilde Zeit voller Emotionen.

Doch auch die Figuren des deutschen Widerstandes fesseln Friedrich weiterhin. 2019 greift sie das Thema mit einer Trilogie wieder auf. Nach „Einige doch“ und „Was sich lohnt“ setzt der Band „Die Nacht hat zwölf Stunden“ nach 15 Jahren einen Schlussstrich unter das Mammutprojekt.

Und was kommt jetzt? Ideen zu einem neuen Projekt hat Friedrich bereits gesammelt, mehr dazu möchte sie nicht verraten. Aber ein paar Anhaltspunkte lässt sie dann doch durchscheinen. Vielleicht reist sie dieses Mal nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft . Und vielleicht treffen wir uns dann wieder in ihrem gemütlichen Zuhause hinter der bewachsenen Mauer mit der hellblauen Tür. Wir sind gespannt.

    1 Antwort

    1. Hagen

      Genau so isses. Den Epilog mit Enten las ich. Jaja. Das Coburg der 70er kenne ich als 54 geborener zu gut. Wie schrieb Sabine. Das xxxKaff an der Grenze. Dazu passend der Song zur Grenze von Athon Re. So war es vor 50 Jahren. Gruesse aus der oestlichsten Stadt Deutschlands.

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