Sonderthema Mut – … und Tschüss #43

… und Tschüss

Einfach alles hinter sich lassen, dem Alltagsstress entkom­men, die Koffer packen und abhauen. Dorthin, wo die Sonne immer scheint. Nein, nicht nur für ein paar Wochen, sondern für immer. Davon träumen viele, aber nur wenige haben den Mut dazu. Anette und Reiner Arnold aus Neustadt bei Coburg haben es gewagt und sind in ein völlig neues Leben gestartet – das Ehepaar lebt seit sechs Jahren in Paraguay. Bereut ha­ben die beiden diesen Schritt bis heute nicht eine Sekunde.

von Gabi Arnold

„Seit 30 Jahren hatten wir darauf hingearbeitet, mit 55 in den Ruhestand zu gehen und das Alter in einem warmen Land zu verbringen.“

Es ist 14 Uhr in Deutschland, als wir bei Anette und Reiner Arnold anrufen. In Paraguay klingelt – mit vier Stunden Zeitverschiebung – um zehn Uhr morgens das Mobiltelefon. Während bei uns das Thermometer um die Null Grad Celsius anzeigt, es nasskalt und ungemütlich ist, strahlt in Paraguay die Sonne vom Himmel. „Heute ist es etwas kühler, nur 30 Grad und Sonnenschein“, lacht Anette am anderen Ende der Leitung. Vor sechs Jahren haben sie und ihr Mann Reiner einen kompletten Neuanfang gewagt und sind nach Südamerika ausgewandert. Damit haben sie sich einen jahrelangen Traum erfüllt. „Ich wollte schon immer in ein warmes Land auswandern, seit meinem 25. Lebensjahr“, sagt Anette. Aber es ziehen noch einige Jahre ins Land, bis dieser Traum zur Realität wird.
Anette und Reiner wohnen in dem Neustadter Stadtteil Unterwasungen. Reiner hat ein Malergeschäft und zudem einen Groß- und Einzelhandel. Anette betreibt einen Hundesalon, eine Hundepension und züchtet Pudel und Doggen. Als bei Reiner mit Mitte 50 gesundheitliche Probleme auftreten, werden die Pläne konkret: Anette und Reiner wollen auswandern, irgendwo hin, wo die Sonne das ganze Jahr über scheint. In welches Land wissen die Arnolds zu diesem Zeitpunkt noch nicht, Anette recherchiert deshalb die Einwanderungsbedingungen der verschiedenen Länder gründlich.

 

In viele Länder, die in Frage gekommen, kann man aber nicht so ohne Weiteres ein-wandern. Teilweise müssen enorme Summen bei der Einreise hinterlegt, ein Investoren-Visum vorgelegt oder eine regelmäßige Rente vorgewiesen werden. All diese Bedingungen schließt das Ehepaar aus. „Da fallen viele Länder erst einmal durch das Raster“, sagt Anette Arnold.
Schließlich fällt die Wahl auf den Binnenstaat Paraguay in Südamerika. Das Land liegt zwar nicht direkt am Meer, aber das Klima ist angenehm warm, die Lebenshaltungs- und Steuerkosten niedrig, vor allem gibt es kaum Hürden, die einer Einwanderung im Wege stehen. Paraguay verfügt mit 406.752 Quadratmetern über eine Fläche wie Deutschland und die Schweiz, ist aber mit nur 6,5 Millionen Einwohnern schwach besiedelt, Platz ist also ausreichend vorhanden.
Im Januar 2014 verbringen Anette und Reiner zunächst ihren Urlaub in Paraguay – es gefällt ihnen auf Anhieb. „Wir haben die Eindrücke erst einmal sacken lassen und eigentlich gedacht, bis zur unserer Ausreise dauert es noch ein paar Jahre, aber dann ging alles sehr schnell.“ Bereits wenige Monate später, im Mai 2014, steht fest, dass die Arnolds nach Paraguay auswandern werden. Sie bieten ihr Haus zum Verkauf an und finden tatsächlich sehr schnell einen Käufer. Anette und Reiner trennen sich von Dingen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, vieles landet in der Müllverbrennung, einiges wird verkauft, der Rest verschenkt. Als der Notartermin ansteht, bestellen sie ihre Flugtickets, diesmal sind es „one way tickets“. Das Abenteuer nimmt seinen Lauf:
Es ist der 1. Oktober 2014, als Anette und Reiner Arnold Deutschland endgültig „ade“ sagen. Sie fahren mit einem Leihauto nach Frankfurt zum Flughafen, im Gepäck haben sie nur das Allernötigste. „Wir haben unsere Kleidungsstücke mit-genommen und unsere Hunde.“ Ein mulmiges Gefühl oder Angst, dass die Pläne scheitern könnten, haben die beiden nicht. „Die Vorfreude auf unser neues Leben hat überwogen,“ sagt Anette. Nach gut 23 Stunden Reise kommt das Paar am 3. Oktober 2014 morgens um acht Uhr in seinem neuen Leben an. In der Ferienanlage Granja Don Ernesto in Villeta werden sie von den Vermietern Mirtha und Ernst Verweyen erwartet. „Wir stiegen aus und waren von Anfang an glücklich, in unserer neuen Heimat angekommen zu sein.“

In Paraguay beträgt das Durchschnittseinkommen knapp 300 Euro im Monat, also 10 Euro am Tag. Dennoch seien die Menschen zufrieden mit dem, was sie haben und hilfsbereit, erzählen die Ex-Neustadter. „Wenn ein älterer Mensch, eine Schwangere oder eine Mutter mit Baby in einen Bus einsteigt, wird sofort Platz gemacht“, nennt Reiner Arnold ein Beispiel. Nicht nur das macht die Eingewöhnung in das fremde Land leicht. „Paraguay wird auch die grüne Lunge Südamerikas genannt“, sagt Anette. In dem tropischen bis subtropischen Klima wachsen Bananenbäume, Zitronen-, Apfelsinen- und Mangobäume.
Anette und Reiner wohnen mittlerweile mit ihren Hunden und Pferden auf der Rancho Stefano bei Caacupe (Hauptstadt des Departamentos Cordillera des Staates Paraguay). Seit ihrer Ausreise vor sechs Jahren waren sie nicht mehr in Deutschland, verfolgen aber das Leben in der alten Heimat im Internet und in den sozialen Medien. Bereut haben sie den Schritt noch nie, obwohl das Leben jetzt ganz anders ist, nämlich viel einfacher, bescheidener, weniger konsumorientiert, dafür aber viel ruhiger: Bürokratie, Alltagsstress, Termindruck, all das fällt weg. „Das Einzige, was ich ein bisschen vermisse, ist eine gedruckte Tageszeitung am Morgen“, sagt Reiner Arnold. Und vielleicht die deutsche Marmelade, ergänzt seine Frau. „Ansonsten sind wir sehr glücklich hier zu leben und freuen uns auf jeden neuen Tag. “

Leben im grünen Herzen Südamerikas

Paraguay ist kein Strandparadies. Doch es gewinnt die Herzen von Einwohnern und Einwanderern durch seine eigene Schönheit: Weite Sumpflandschaften und subtropische Wälder prägen das Bild. Von Norden nach Süden fließt der Río Paraguay und über mehr als die Hälfte des Landes dehnt sich im Westen der Gran Chaco aus, eine Wildnis aus Savanne und Buschland. So vielfältig wie das Land ist, so bewegt ist auch seine Geschichte. Erst seit 1992 ist es ein demokratischer Staat, zuvor herrschte Diktatur. Heute ist Paraguay beliebtes Ziel von Selbstversorgern und Rentnern – darunter auch viele deutsche Auswanderer. Fünf bis sieben Prozent der paraguayischen Bevölkerung sind Einwanderer aus Deutschland.

    Hinterlassen Sie ein Kommentar

    14 + fünf =