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Neue Kollegen aus der weißen Stadt #27

Hilfe für die Pflege

In Belgrad sucht der Arbeiter-Samariter-Bund Coburg Mitarbeiter für die stationäre und ambulante Pflege – und findet in Serbien die dringend benötigten Fachkräfte. Die Nachfrage nach examinierten Pflegerinnen und Pflegern wird in den nächsten Jahren rasant ansteigen.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird in zwei Jahren auf annähernd drei Millionen angewachsen sein. Eine Prognos-Studie aus dem Jahr 2012 hat die Anzahl der Menschen, die auf eine ambulante oder stationäre Pflege angewiesen sind, auf damals 2,4 Millionen beziffert. In acht Jahren waren es etwa eine halbe Million Menschen mehr, die von Angehörigen, von Pflegediensten oder in Pflegeheimen betreut werden. Die Studie geht davon aus, dass im Jahr 2030 rund 3,4 Millionen Menschen im Land Pflege von verschiedener Intensität benötigen.

Aktuell fehlen rund 35.000 Mitarbeiter in den Pflegediensten und -heimen. Dieser Fehlbestand wird sich in den nächsten Jahren explosionsartig ausweiten: 2020 werden nach den Berechnungen rund 140.000 Pflegekräfte im Land zu wenig vorhanden sein. Nach Erkenntnissen der Bundesanstalt für Arbeit hat sich vor fünf Jahren die Zahl der in der Pflege arbeitenden Menschen aus einem EU-Mitgliedsland um fast ein Fünftel erhöht, aus Drittstaaten betrug die Steigerung 13,5 Prozent. Bei der Beschäftigung von deutschen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tun sich die verschiedenen Träger und Organisationen schwer, ausreichend Personal zu finden: Ein Plus von gerade 5,1 Prozent machte die Bundesanstalt für Arbeit hier aus.

Dieser Entwicklung versucht der Regionalverband Coburg des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) mit ungewöhnlichen Anstrengungen entgegen zu wirken. ASB-Geschäftsführer Thomas Schwesinger war Anfang Mai auf einer längeren Dienstreise, um Pflegepersonal in der serbischen Hauptstadt Belgrad für die Arbeit beim ASB Coburg zu gewinnen. Zuerst fuhr er nach München, von dort dauerte der Flug etwas mehr als eine Stunde in die 1,1-Millionen-Metropole Belgrad. In etwa einem halben Jahr wird Thomas Schwesinger sechs Frauen und Männer aus dem südosteuropäischen Land auf der Balkanhalbinsel einstellen.

Thomas Schwesinger

Herr Schwesinger, Sie waren im vergangenen Mai zum zweiten Mal in Serbien, um dort Mitarbeiter für die ambulante Pflege und Pflegeheime des Arbeiter-Samariter-Bundes Coburg anzuwerben. Dafür 1000 Kilometer weit zu fliegen ist alltäglich nicht.

Sehen Sie, allein in der ambulanten Pflege betreut der ASB Coburg derzeit 450 Menschen. In den nächsten zwölf Jahren wird diese Zahl um ein Viertel anwachsen. Das sind etwas mehr als 100 Personen. Ebenso steigt die Zahl der Menschen in unseren Pflegeheimen und im Betreuten Wohnen an, wo wir die Kapazitäten zurzeit ausbauen. Dafür brauchen wir genug Fachpersonal. In der stationären Pflege muss die Hälfte der Mitarbeiter examiniert sein. Den gesetzlich vorgegebenen Personalschlüssel, also das Verhältnis von Pflegekräften und Bewohnern, erfüllen wir. Darüber hinaus haben wir zwei Mitarbeiter mehr als es verlangt ist.

Und diese Stellen konnten und können Sie nicht aus dem Angebot der Arbeitskräfte hier besetzen?

Leider schaffen wir das nicht. Der ASB Coburg bildet seit vielen Jahren Pflegepersonal aus. In der stationären Pflege ist die Refinanzierung gesichert, in der ambulanten nicht. In der ambulanten Pflege können wir ausbilden, weil dort auch Beiträge unserer Mitglieder investieren können. Zurzeit sind beim Regionalverband Coburg 23 Ausbildungsstellen besetzt, in der Regel gibt es für diese Mitarbeiter anschließend eine Jobgarantie. Es wird immer schwieriger Menschen für diesen Beruf zu begeistern. Es gibt bei uns Schicht- und Wochenend-dienste ebenso wie Nachtdienste. Auch die Entlohnung spielt natürlich eine Rolle. Vor allem in der ambulanten Pflege bedarf es einer besseren Bezahlung. Die Konkurrenz um neues Personal ist auch groß. Wobei ich nicht die anderen Träger von Pflegeheimen und -diensten meine. Der Fachkräftemangel ist in nahezu jeder Branche ein brandaktuelles Thema.

In Serbien haben Sie Erfolg mit der Personalsuche?

Ja, sogar großen Erfolg. Sechs Stellen wollen und können wir in den nächsten Wochen mit Fachkräften besetzen. Die künftigen Kolleginnen und Kollegen sind sehr gut ausgebildet, alles fertige Krankenpfleger, die auch über Berufserfahrung verfügen.

Aber diese Arbeitskräfte fehlen doch dann in Serbien.

Das war zunächst auch bei uns ein Gedanke. Aber das Land blutet sozusagen nicht aus. Einerseits gibt es in Serbien einen Überschuss an Arbeitskräften, zum anderen bildet die Schule in Belgrad speziell für den deutschen Arbeitsmarkt aus. Wer diese Ausbildung macht, der möchte sich in Deutschland eine Existenz aufbauen. Wir reden bei uns darüber, dass der Pflegeberuf attraktiver gemacht werden muss, dass die Bezahlung steigen muss. In Serbien ist die Wertschätzung des Pflegeberufs fast nicht vorhanden. Dort sind Monatseinkommen von 300 Euro für einen Vollzeitjob die Regel. Nahezu jeder hat dort einen Nebenjob, um finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Im Schnitt gehen in Belgrad noch 150 Euro für die Miete ’drauf – da bleibt nicht mehr viel übrig zum Leben. Dazu sind Arbeitszeiten dort von mehr als zwölf Stunden keine Seltenheit. Tarif- und Arbeitsrecht sind fast Fremdworte.

Welche Hürden müssen Sie für die Anstellung von Pflegekräften aus Serbien überwinden?

Serbien ist nicht Mitglied in der Europäischen Union. Deshalb ist zum einen nachzuweisen, dass in der Pflege ein akuter Arbeitskräftemangel besteht – das ist gegeben; zum anderen müssen wir als ASB Coburg bei der Arbeitsagentur darlegen, dass wir uns vergeblich auf dem deutschen Arbeitsmarkt umgetan haben. Das ist auch kein Problem. Um weiter eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, muss der Sprachkurs B2 erfolgreich abgelegt worden sein. Schließlich ist noch das in Serbien erworbene berufliche Examen anzuerkennen. Das ist in der Regel fast eine Formsache, denn die Ausbildung dauert dort vier Jahre. Im Vergleich: In Deutschland sind es drei Jahre. Also fachlich gibt es da kaum etwas zu bemängeln. Die Zusatzprüfung für die Anerkennung des Examens dauert etwa eine Woche. Hauptproblem ist die Sprache, davon hängt natürlich auch die Integration der neuen Mitarbeiter wesentlich ab.

Was unternehmen Sie, was unternimmt der Arbeiter-Samariter-Bund, damit die Integration und damit die Arbeit mit den zu betreuenden Menschen möglichst schnell und reibungslos funktionieren?

Speziell beim ASB Coburg haben wir den Vorteil, dass wir schon seit einem Jahr drei Mitarbeiter aus Serbien beschäftigen. Damit verkleinern sich sprachliche und soziale Barrieren schon gewaltig, die Einarbeitung geht zügig vonstatten. Dann sorgen wir natürlich für eine entsprechende Wohnung, denn die meisten wollen verständlicherweise die Familie nachholen. Behilflich sind wir bei Behördengängen und unterstützen auch bei der Wohnungseinrichtung. Die Leute kommen mit zwei Koffern an.

Auch andere Träger suchen und finden in Serbien Fachkräfte. Warum ist Deutschland bei den Pflegeberufen für die Menschen vom Balkan so nach gefragt?

Das hat mehrere Gründe. Selbstverständlich ist es der zu Serbien deutlich höhere Verdienst. Aber man darf auch die geografische Nähe nicht vergessen: Ein Flug von München nach Belgrad dauert etwas über eine Stunde, mit dem Auto sind die rund 1300 Kilometer in etwa zwölf Stunden zurückgelegt. Deshalb ist für die Serben Süddeutschland die erste Wahl. Alle zwölf Bewerber, mit denen ich mich unterhalten konnte, hatten sich auch über Coburg und die Region sehr gut informiert. Coburg wird als lebenswerte Stadt angesehen. Das liegt am kulturellen Leben aber auch an den Arbeitsmöglichkeiten hier für Familienangehörige. Darüber hinaus versuchen wir natürlich attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen. So gibt es beim ASB keine sogenannten Doppelschichten, das heißt, nach einer Frühschicht folgt eine Spätschicht. Auch achten wir beim Dienstplan darauf, dass jedes zweite Wochenende frei ist und versuchen, auf die Arbeits- und Schichtzeiten des Partners oder der Partnerin Rücksicht zu nehmen. Man darf nicht vergessen, Pflege kann nicht jeder und es ist ein anstrengender Beruf.

Dokumente: Vom serbischen Examen (oben) gibt es eine deutsche Übersetzung (rechts) und die deutsche Anerkennung der Ausbildung (links). In der Mitte der zweisprachige Arbeitsvertrag mit dem ASB-Regionalverband Coburg.

von Chris Winter

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