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Pfusch am Bau #29

Pfusch am Bau

von Chris Winter

Das Richtfest für das schmucke Eigenheim liegt schon lange zurück. Der Innenausbau ist in den vergangenen Wochen und Monaten fortgeschritten und endlich der langersehnte Tag: Der Einzug ins neue Heim. Doch die Freude der Familie Müller (Name von der Redaktion geändert) über die „eigenen vier Wände“ erfährt beträchtliche Dämpfer. Manches Gewerk des Hauses war mit zu großer Lässigkeit ausgeführt worden. So wunderte sich die Familie anfangs, warum Freunde und Verwandte das Mobiltelefon benutzten, um mitzuteilen, „wir stehen vor der Tür“. Die Ursache war schnell gefunden: Die Haus klingel funktionierte nicht. Sie war nicht nur nicht angeschlossen, sondern konnte aufgrund einer falsch verlegten Stromleitung gar nicht funktionieren.

Kettenreaktionen

Laut dem Eigentümerverband Haus & Grund in Berlin weisen etwa 99 Prozent aller Neubauten bauliche Mängel auf. Die Folge sind jede Menge Ärger und lange Rechtsstreitigkeiten über Ursachen und Verantwortung. In manchen Fällen ist eine Behebung der Schäden und Mängel technisch gar nicht möglich, etwa wenn eine tragende Stahlbetonwand auf Grund mangelhafter Schalung schief geworden ist. Je später der Mangel entdeckt wird, desto unangenehmer die Situation. Denn dann beginnt eine Kettenreaktion: Ist etwa der Estrich noch nicht trocken und das nächste Gewerk verlegt das neue Parkett, ist der Bauschaden schon vorprogrammiert. Nun muss – nachdem der Mangel festgestellt wurde – das Parkett wieder raus, der Estrich austrocknen und ein neuer Boden verlegt werden. Das verzögert wiederum den weiteren Ausbau. Am schlimmsten sind Bauschäden, die erst nach der Bauabnahme oder erst nach Jahren erkennbar werden, etwa durch eine undichte Dacheindeckung. Die Beseitigung ist dann relativ teuer, da meist schon ganze Bauteile großflächig beschädigt und dazu nicht mehr so einfach zugänglich sind. Außerdem sind die Gewährleistungsfristen im schlimmsten Fall schon abgelaufen oder die entsprechende Baufirma existiert bereits gar nicht mehr.

Schwarze Schafe sorgen für den Ärger

„Viele Probleme mit Mängeln (und spätere Auseinandersetzungen) an Neubauten sind darauf zurückzuführen, dass viele Bauherren heute keinen eigenen Architekten mehr beauftragen“, sagt Kai Warnecke vom Eigentümerverband. Nur ein Prozent der Bauvorhaben werde noch klassisch mit Planung und Baubegleitung durch einen Architekten realisiert. Die überwiegende Zahl der Handwerker macht einen guten Job. Hingegen sorgen die schwarzen Schafe in der Zunft mit abenteuerlichen und nahezu grotesken Konstruktionen und Einbauten für mediale Aufmerksamkeit. Eine Toilette in einem Altbau zeigte sich als schmaler, einige Schritte langer Schlauch. Am Ende an der Schmalseite war die Toilette installiert. Nach der Sanierung befand sich die Toilettenschlüssel um 90 Grad versetzt an einer Seitenwand und war umständlich und in dem schmalen Raum nur mit allerlei Verrenkungen zu erreichen. Was vorher möglich war, „ist jetzt nicht anders machbar gewesen“, so der Handwerker zu der unglaublichen Modifikation. Die Wohnungsinhaberin hatte die Rechnung schon bezahlt und der Rückbau zu einer vernünftigen Lösung gestaltete sich langwierig und nervenaufreibend. Ganz abgesehen, dass die Toilette für einige Zeit wieder eine Baustelle und damit nicht zu benutzen war.

Flüchtigkeitsfehler

Für Ärger und Verdruss sorgen in vielen Fällen Abflüsse, die an der falschen Stelle eingebaut wurden oder gar samt und sonders komplett verquere Installationen. Beispielsweise, wenn sich das Waschbecken über der Badewanne befindet. Ein Fehler, der eigentlich augenfällig und schon beim Blick auf die Bauzeichnung klar werden sollte. Davon und anderem Murks existieren viele Aufnahmen im Internet. Beim Fliesenlegen soll es möglichst wenig Verschnitt geben, daher wird an den Rändern zusammengestückelt. Noch eine neue Tapetenrolle anfangen, das muss nicht sein: Für die Dachschräge reicht ein Rest aus. Genau auf solche „Flüchtigkeitsfehler“ bezieht sich der Begriff Pfusch. Viele dieser Fehler begründen sich im Bestreben der Handwerker, ihren eigenen Müll zu reduzieren. Die Folge sind unsaubere Übergänge an Ecken und Kanten. Ärgerlich und später mitunter sehr teuer, weil aufwändig zu reparieren, sind schlampig und damit unsachgemäß ausgeführte Isolierungen. Feuchtigkeitsschäden sind vorprogrammiert, werden oft erst lange Zeit später bemerkt. Auch Wände im Neubau gibt es, die nicht die nötige Stabilität haben. An derart schwachen Konstruktionen gibt es Probleme bei späteren Befestigungen. Wenn das Starkstromkabel für den Küchenherd gleich neben dem Wasserrohr sitzt, sträuben sich bei Sachverständigen die Haare.


Die Top Ten der Baumängel

  1. Das Mauerwerk oder der Putz haben Risse
    Aktuelle Baustoffe wie Mörtel oder Putz sind hochkomplex und bedürfen einer Verarbeitung exakt nach Vorgabe. Oft wird hier geschlampt oder es werden Baustoffe kombiniert, die nicht zusammenpassen. Auch einfache handwerkliche Fehler treten auf. Die Folge sind oft Risse in Putz und Mauerwerk.
  2. Die Fensterleibungen sind durchfeuchtet
    Die Anschlussdetails zwischen Putz und Fenster werden nicht sorgfältig genug ausgeführt. Folge: Regen und Wind können eindringen, was sich früher oder später in Wasserschäden an der Fensterleibung niederschlägt.
  3. Die Dampfsperre ist undicht
    Eine Dampfsperre soll die hinter ihr liegenden Bauteile vor Feuchtigkeit in der Luft schützen. Lecks können hier dramatische Folgen haben: Kühlt die Luft ab, gibt sie Feuchtigkeit, zum Beispiel an die Dämmung, ab – und die wird dadurch zerstört.
  4. Die Bodeneinschubtreppe wurde falsch montiert
    Beim Einbau der Bodeneinschubtreppe – also einer einklappbaren Treppe zum Dachboden – werden bisweilen die Anschlüsse an die Dampfbremse unsachgerecht ausgeführt. Dadurch kann Feuchtigkeit in die Bauteile gelangen. Folge: Schlechterer Wärmeschutz oder gar Schimmelbefall.
  5. Der Spitzboden wurde nicht entlüftet
    Der Spitzboden sollte nach Ende der Bauarbeiten ausreichend gelüftet werden, da er dann noch viel Feuchtigkeit enthält. Geschieht das nicht, drohen Tauwasserschäden und Schimmelbefall.
  6. Der Keller ist undicht
    Ein undichter Keller kann viele Ursachen haben: Planungs- oder Materialfehler oder einfach eine unsachgemäße Ausführung. Kostspielig ist es allemal, solche Baumängel zu beheben. Fünfstellige Summen sind die Regel.
  7. Risse im Holz
    Risse in tragenden Holzteilen sehen nicht nur schlecht aus, sondern können auch ein Sicherheitsrisiko sein, da sie die Stabilität eines Bauteils beeinträchtigen. Ursache ist meist, dass Holz verbaut wurde, das nicht genug trocknen konnte: Durch den Schwund beim Trocknen entstehen die Risse.
  8. Fehler bei der Kelleraußentreppe
    Die Entwässerung der Kelleraußentreppe ist bisweilen nicht optimal gewährleistet: Dann kann Wasser nicht abfließen und es drohen langfristig Feuchtigkeits- und Frostschäden.
  9. Baumängel beim Estrich
    Ungewollte Risse im Estrich entstehen, wenn Dehnungsfugen zu angrenzenden Bauteilen nicht ausreichend dimensioniert oder an der falschen Stelle gesetzt wurden. Liegt erst der Bodenbelag, kann man diesen Baumangel nicht mehr ohne Weiteres erkennen. Bauherren müssen schon während der Bauphase aufpassen.
  10. Undichte Lüftungsanlagen
    Baumängel betreffen auch Lüftungsanlagen, die oft undicht sind. So kann Feuchtigkeit an Bauteile gelangen, zudem wird die Energieeffizienz gemindert.

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