Waage Gehirn - Herz

Postfaktisch. #19

Der große Irrtum

Nun ist es also da: das postfaktische Zeitalter. Es ist plötzlich über uns hereingebrochen. Über Nacht. Fakten interessieren nicht mehr. Wir glauben ab sofort nur noch das, was wir glauben wollen. Der Verstand ist am Ende, es lebe der Bauch. Was für eine Erkenntnis – und was für ein Quatsch. Noch nie hat der Mensch sein Handeln rein vernunft- und faktenorientiert ausgerichtet. Noch nie gab es ein „faktisches“ Zeitalter. Das ist ja das Problem – und auch wieder nicht. Eine Verwirrung von Wolfram Hegen.

Postfaktisch war immer

Man kann angesichts der aktuellen welt- und bundespolitischen Lage ja schon den Eindruck bekommen, das postfaktische Zeitalter sei hereingebrochen: Die einen wählen einen Präsidenten, der weniger mit Inhalten, wohl aber mit derber Rhetorik punktet, andere lassen sich von der europäischen Familie scheiden, obwohl die seit Jahrzehnten so friedlich zusammenlebt, wie es der mit Abstand kleinste und engste Kontinent der Welt in seiner Geschichte nie geschafft hat, Deutsche wählen in Bundesländern die AfD ganz weit nach vorne, obwohl es bei ihnen kaum Ausländer gibt, die ihren Wohlstand bedrohen. Es ist die schiere Fülle an Entscheidungen von – nur gefühlt – historischen Ausmaßen, und das in kurzer Zeit, und noch dazu in unserem Erfahrungsbereich, die uns Menschen glauben machen, es gebe auf einmal kein „vernünftiges“ Maß mehr für das, was sich auf unserer Welt abspielt, es sei plötzlich alles unberechenbar geworden. Dabei war es doch in Politik und Gesellschaft noch nie anders, schon immer spielen Entscheidungsträger mit dem Bauchgefühl ihres Volkes, treffen wichtige Entscheidungen dann, „wenn die Zeit reif ist“. Und wenn die Zeit noch nicht soweit ist, wird nachgeholfen. Denn ob die zur Legitimation angeführten Fakten wirklich stimmen oder nicht, war schon immer sekundär. Und der Faktencheck dauert und dauert. Bis es soweit ist, kann der gewiefte Stratege schon einmal neue wirkliche Realitäten schaffen. Der Krieg gegen den Irak: falsche Fakten. Aber Angst vor Saddam. Die schleichende Privatisierung der Renten: Falsche Fakten. Aber Angst vor Altersarmut. Der deutsche Dämmzwang von Häusern: Viele Fakten sprechen eine andere Sprache (siehe COBURGER 06 vom Frühjahr 2014). Aber ein furchtbar schlechtes Gewissen. Der Atomausstieg: Folge von Fukushima. Aber Angst vor einem deutschen Super-Gau. Die Dusel-Bayern: Falsche Fakten. Aber Wut auf den Liga-Primus. (Gut, ein profanes Beispiel, und der Autor ist auch kein Bayern-Fan, und der Begriff „Dusel-Bayern“ ist ja auch nur eine abschätzige Bemerkung, aber keine Entscheidung, aber wenn jemand auf die Idee käme, die Mannschaft mit den meisten Toren in den Schlussminuten von Gesetzes wegen aus der Liga auszuschließen, wer weiß, wer weiß ….). Ob Krieg, Geld oder Umwelt – oder Sport: ein passendes Gefühl muss her, am besten Angst oder Hass. Erzeugt mit irgendwelchen Fakten, wenn man so will „alternativen Fakten“. Man muss sie nur oft genug erzählen, damit sie wirken. Und das tun sie.

Das faule Gehirn

Man hält es halt als Mensch einfach nicht lange aus, wenn man mit sich nicht im Reinen ist. Einstellungen, Gedanken, Gefühle, Handeln, alles das sollte schon im Einklang sein. Ansonsten wird man krank, aggressiv, gestresst, muss sich anstrengen. Das möchte unser faules Gehirn natürlich vermeiden: Und so saugt es fleißig alle Informationen auf, die es im eigenen Ich bestärken. Oder man vermeidet Informationen oder blendet sie aus, wenn sie nicht hineinpassen ins eigene Weltbild, wenn sie dem eigenen Handeln zuwiderlaufen. Vermeintliche Argumente für selektive Wahrnehmung von Informationen gibt es ja genug: Im einen Fall „Die lügen ja sowieso“, „Denen kann man nichts glauben“, „Das habe ich aber auch schon ganz anders gehört“, im anderen Fall: „Siehst Du, hab ich es doch gewusst“, „Habe ich mir gleich gedacht“ oder „Sag ich doch.“ Am Ende hat man sich die Welt gebaut, wie sie einem gefällt. Und wenn man plötzlich doch mit Informationen versorgt wird, die einem zuwiderlaufen? Dann verschiebt man einfach den Blickwinkel: Auto gekauft und danach gemerkt, dass man doch gerne ein paar mehr PS unter der Haube gehabt hätte? Kein Problem: Dafür braucht der Neue viel weniger Sprit. Und hat eine so schöne Farbe … und eine Vorbereitung für Kindersitze (falls man jemals Kinder haben sollte). Einen Job gewählt, der langweilt, und das Tag für Tag? Kein Problem: Dafür verdient man ja ganz gut, hat ein schönes Büro mit Blick ins Grüne, einen netten Chef, und überhaupt … „alles kann man ja auch nicht haben“. Wer ändert schon wirklich seine Meinung oder gar sein Reden und Handeln? Es muss schon sehr viel glaubwürdige, eindeutige und immer wiederkehrende gegenläufige Information auf einen einprasseln, damit das passiert. Wenn das alles mit „postfaktisch“ gemeint ist, dass wir also menschentypisch gefühlsorientiert leben und handeln und uns die entsprechenden Informationen passend zusammenklauben, um mit uns im Reinen zu sein, dann leben wir eben schon immer in postfaktischen Zeiten. Und weil Politik auch menschengemacht ist, verhält es sich dort nicht anders. Und weil dort aber Politiker sitzen, die in der Regel um diese Möglichkeiten zur Steuerung der Massen wissen, dann ist Politik wie sie ist. Politik versorgt uns letztlich mit Rechtfertigungsgründen für unser Leben. Das ist irgendwie gut so, weil das ja auch Ordnung schafft, Stabilität, Sicherheit. Darauf möchte kaum ein Wohlstandsmensch gerne verzichten, der nichts mehr zu gewinnen, aber viel zu verlieren hat.

Das Risiko

Dennoch oder gerade deswegen sollte man allerdings nicht aufhören, dem dauerhaft politischen „Postfaktizismus“ immer auf den Grund zu gehen, Fakten zu checken, auch wenn das natürlich alles andere als bequem, sondern richtig anstrengend ist, und richtige Fakten unterzugehen drohen in der aktuellen Informationsflut. Das nämlich ist der große Unterschied zu früher, und das macht das Postfaktische heute gefährlicher als früher: Wir leben in einer digitalen Welt. Soziale Medien machen zwar vieles möglich, aber auch vieles unmöglich: Sie sind Informationsturbolader, die uns so sehr beschleunigen, dass die Umgebung nur noch verschwommen an uns vorüberfliegt. Sie versorgen uns so schnell mit vermeintlichen oder tatsächlichen Fakten, dass eine Überprüfung, ein Abgleich mit eigenen Erfahrungen, ein kritisches Hinterfragen manchmal gar nicht möglich erscheint. So laufen wir Gefahr, doch in eine „Demokratie der Nichtwissenwollenschaft“ hineinzulaufen, wie sie der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser heraufziehen sieht. Die nämlich öffnet Populisten den Weg, welcher Couleur auch immer. Und dann kann man nur hoffen, dass diese den Populismus nur als Werkzeug nutzen, um mit der Mehrheit im Volke die Demokratie zu bewahren. So wie man es von der neuen SPD-Lichtgestalt Martin Schulz erwarten sollte, der immer und immer und immer wieder von den „hart arbeitenden Menschen“ schwadroniert. Das wirkt, weil sich viele in ihrer Eigenwahrnehmung als „hart arbeitender Mensch“ nicht mehr angesprochen fühlten. Mit Fakten hat das erst einmal nichts zu tun. Horst Seehofers Brechmittel „Obergrenze“ wiederum versorgt den rechten Rand seiner Partei mit dem guten Gefühl, dass da einer weiß, dass das Boot voll ist. Mit Fakten hat auch das nichts zu tun. Aber auch ihm sollte man nicht unterstellen, dass er die Demokratie zu Fall bringen möchte. Die nämlich ist immer noch die beste aller Gesellschaftsformen, ist sie doch keine Unterdrückungsideologie, sondern eine Organisationsform, die um Wohl, die Freiheit, das Recht des Einzelnen bemüht ist. So eine Gesellschaft aber braucht Platz für Vielfalt, für Wettstreit um die beste Lösung, für eine Diskussion um Fakten und nicht nur für die markigsten Sprüche. Demokratie ist gerade deswegen so anstrengend, weil sie harte Arbeit ist. Natürlich wäre es bequemer, wenn einer sagt, so ist es jetzt. Schluss. Aus. Basta. Aber wie heißt es doch: Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.

Portrait von Angela Merkel

„Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl
heißen, die Menschen interessieren sich
nicht mehr für Fakten, sondern folgen
allein den Gefühlen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel
September 2016

Die Schönheit des „Postfaktischen“

Wenn wir im übrigens wollten, dass nur noch auf Basis von Fakten Entscheidungen getroffen werden, wäre eine Robotergesellschaft die einzige denkbare Lösung, die aber keiner wollen dürfte (mal abgesehen davon, dass Teilbereiche unseres Lebens schon auf besten Wege dorthin sind und auch einmal abgesehen von der Ethik- und Machtfrage, wer diese Maschinen mit welchen Parametern füllen würde, die letztlich zu den Entscheidungen führen): Was dürften und würden wir alles nicht mehr tun, wenn nur ein absolut kalt und nüchtern vorgehender Computer auf der Basis aller vorliegender Daten und Informationen, Messwerten und Fakten Gesetze schreiben, Steuern eintreiben, Kriminelle einlochen und unseren Tagesablauf minutiös planen würde: Wir würden keine Coburger Bratwurst mehr essen und das abendliche Bierchen dazu natürlich auch nicht zu uns nehmen. Wir würden uns nicht mehr verlieben, wir würden nicht fremdgehen. Wir würden keiner Fuß- oder Handballmannschaft zujubeln. Wir würden nicht verschlafen, nicht blau machen, keine mehr oder weniger schlauen Gespräche führen, uns nicht in die Sonne setzen, am Sonntag nicht in die Kirche gehen. Die Faktenlage würde immer dagegen sprechen: riskant, ungesund, unsinnig, unproduktiv. Also sollten wir einfach akzeptieren, dass wir schon immer postfaktisch leben. Und das ist auch gut so.

Autor: Wolfram Hegen

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