Problemkind Eltern #23

Chauffeure wider besseres Wissen

Eine beliebige Stadt in Deutschland, nehmen wir doch als Beispiel Coburg, Innenstadt, ein beliebiger Werktag, dreiviertel acht am Morgen. Fahrzeuge formieren sich zu Kolonnen, Stoßstange an Stoßstange. Sie rangieren, wenden, parken. Sie halten auf Gehwegen, die Türen fliegen auf, Kinder springen aus ihrem Sitz, Heckklappen spucken Schulranzen aus: Nur noch jeder zweite Schüler im Alter von 6 bis 15 Jahren macht sich ohne Eltern auf den Weg zur Schule, 60% der Passagiere hätten einen Schulweg von weniger als 800 Metern. Ihre Chauffeure aber fühlen sich gut – und sie meinen es auch gut. Dabei rauben sie ihren Kindern ein Stück Kindheit.

Ein Virus greift um sich

Deutschland ist ein Land von Kinderchauffeuren – Symptom eines gesellschaftlichen Krankheitsbildes. „Helikopter-Eltern“, Titel eines Bestsellers des bis Juni 2017 amtierenden Chefs des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus, schwirren permanent über ihrem Nachwuchs. Nach Schätzung des Psychotherapeuten Martin Klett aus Freiburg tendieren schon rund 15 Prozent bis 20 Prozent der Eltern zu solch einem Verhaltensmuster. Überbehütung – ein Virus, der auf andere Eltern übergreift, Angst ist ansteckend. Man möchte sein kleines Mädchen, seinen kleinen Jungen immer beschützen, folglich auch auf dem Schulweg, vor Belästigungen, Demütigungen, Risiken, Un- und Überfällen, Dunkelheit, Regen, Schnee, Kälte und Sturm. Also fährt man es. Gut gemeint, aber damit aber erreicht man gar nichts, ganz im Gegenteil. Und zwar gleich mehrfach.

Eltern sind eine Gefahr

Zahlen des ADAC, des statistischen Bundesamts und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung DGUV zeigen, dass auf dem Schulweg verunglückte Kindern häufiger als Mitfahrer im Auto verletzt werden als auf der Straße von einem Auto angefahren. Die Zahlen differieren zwar je nach Erhebungsmethode, Jahr und Bundesland, die Tendenz aber ist eindeutig. So waren laut DGUV die mit Abstand häufigsten Straßenverkehrsunfälle in der Schüler-Unfallversicherung im Jahr 2014 mit fast 50% die Fahrradunfälle (insgesamt etwa 27000). Danach folgen die Unfälle von Schülern als Mitfahren in einem Auto (17,5%/ 10000). Und weniger als zehn Prozent der Straßenverkehrsunfälle mit Schülern betreffen Fußgänger (5000). An diesen wiederum ist die täglich über die Innenstädte rollende Blechlawine an Elterntaxis nicht ganz schuldlos. Michael Siefener, Sprecher des für den Verkehr in Bayern zuständigen Innenministeriums, drückte es gegenüber der Augsburger Allgemeinen einmal so aus: „Wir gehen davon aus, dass das Verhalten mancher Eltern die Unfallgefahren für andere Schulkinder deutlich erhöht.“

Heile Welt Coburg

Warum gerade auch in Coburg viele Eltern ihre Kinder bis vor die Schultüre kaschieren, ist besonders rätselhaft: Coburg Stadt und Land gehören zu den sichersten Regionen bayern- und bundesweit in Sachen Schulwegunfälle. Eine Stadt der kurzen Wege, ob zur Schule direkt oder zur nächsten Bushaltestelle, Verbindungen mit Bus und Bahn stadt- und landkreisweit und sogar darüber hinaus, Tempo-30-Zonen in weiten Bereichen der Innenstadt und in der Nähe von Schulen. Es gibt Training mit ABC-Schützen, reflektierende Jacken, Schülerlotsen, Schulweghelfer und andere Ehrenamtliche, die jeden Morgen – maximal für eine Aufwandsentschädigung – bei Wind und Wetter an neuralgischen Punkten in Stadt und Landkreis für Sicherheit sorgen. Alleine im Stadtgebiet von Coburg sind an 19 möglichen Gefahrenstellen Schulwegübergänge vorhanden. Hier werden die Schulkinder der Grund- und Hauptschulen vor Schulbeginn und nach Schulschluss von erwachsenen Schulweghelfern über die Straße geleitet. Es liegt also ein feingesponnenes Sicherheitsnetz über der Region, im dem fast jeder auf seinem Schulweg sanft aufgefangen wird, wären da nicht diese gefährlichen Fahrzeugschwärme.

Sitzen macht krank

Und für die eigenen Kinder ist die elterliche Rumkutschiererei ohnehin schädlich. Der Fachverband Fußverkehr FUSS e.V. hat sich die Mühe gemacht, einige Zahlen zur Gesundheit von Kindern zusammenzutragen. Demnach sei ein Viertel der Fünf- bis Siebenjährigen deutlich übergewichtig, eine Ursache: Bewegungsmangel. Es gibt ein erhöhtes Osteoporose-Risiko, die Ursache: Bewegungsmangel. Etwa jeder zehnte Jugendliche leidet an einer Fehlentwicklung des Skelettsystems und der Wirbelsäule, die Ursache: Bewegungsmangel. Häufige Unruhe und Konzentrationsmängel, oft die Ursache: Bewegungsmangel. Die Langzeitstudie KiGGS des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland beobachtet eine deutliche Verschlechterung der Motorik bei jungen Menschen. „Kinder leben in einer Sitzwelt“, stellt Dr. Berthold Koletzko fest, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Der bestürzende Mangel an körperlicher Aktivität ist mittlerweile zu einem ernsten Problem für die Familien und für die Gesellschaft geworden“.

Laufen macht gesund

Dabei gäbe es die Gelegenheit zur täglichen Bewegung, ein paar Schritte zur Schule und zurück, immerhin zwei Kilometer einfach gelten allgemein als „zumutbar“. Das wären in einer normalen Schulwoche 20 Kilometer zu Fuß. Eine bessere Medizin gibt es nicht. Nicht nur für den Körper, auch für den Kopf: Nur durch Gehen nämlich wird das Gehirn schon um 13 Prozent besser durchblutet, wird aktiviert, neue Nervenverbindungen entstehen. Wer sich viel bewegt, kann sich besser konzentrieren, besser lernen, ist motivierter, gewinnt an Koordination, verfügt über ein stärkeres Immunsystem, und ist weniger aggressiv. Eine dänische Studie zeigt, dass Kinder, die zur Schule laufen oder radeln, sich in den ersten vier Unterrichtsstunden deutlich besser konzentrieren können als ihre Mitschüler, die gefahren wurden. 20000 Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 19 Jahren haben an dieser Studie teilgenommen.

Es ist eine Katastrophe

Im Glauben, ihrem Kind Gutes zu tun, treiben Taxieltern es mit ungebetenen Fahrdiensten zudem auch noch in die Unselbständigkeit. Überversorgung ist Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem Anderen, seinen Fähigkeiten, seiner Eigenverantwortung. So hemmt man Selbstständigkeit, schreibt der Focus erst in diesem Jahr. Wie sollen Kinder sich später im Leben zurechtfinden, Lösungskompetenz entwickeln, mit Gefahren umgehen, Risiken einschätzen lernen, wenn man ihnen nicht einmal ein paar hundert Meter Schulweg zu Fuß zutraut? Auch die Polizei teilt diese Ansicht, fordert und fördert Selbständigkeit. Das Kinderhilfswerk geht noch einen Schritt weiter, bezeichnet den Schulweg gar als einen Bildungsort, „auf dem Kinder lernen, die einzelnen geographischen Punkte in einem Stadtteil oder einer Stadt geistig zu verknüpfen.“ Der Organisation zufolge führe das zu einem größeren Sicherheits- und Wohlgefühl. Der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch, Autor des Buches „Die Verwöhnungsfalle“ bezeichnet Taxieltern gar als eine „Katastrophe“. Er macht sich stark für das, was manche Eltern vielleicht, Großeltern aber bestimmt von ihrem Schulweg früher noch zu erzählen wissen: der gemeinsame Weg in der Gruppe, das Geschichtenerzählen, das Gehen von Umwegen, die Neugier, das Kennenlernen des eigenen Umfelds. Das alles werde den Kindern aus Bequemlichkeit vorenthalten, so sein Vorwurf.
Neun Fichten für ein Kind

Und gegen Ende noch ein kleines Rechenbeispiel: Der Verkehrsclub Deutschland hat eine Unterrichtsidee kreiert, mit der Schüler die Co2-Belastung eines mit dem Auto gefahrenen Schulwegs errechnen können. Vereinfacht gesagt ging es um die Frage: Wie viele Fichten sind notwendig, um das durch die Fahrt entstehende Kohlendioxid zu binden? Das Ergebnis: Für einen Schüler, der während des Schuljahres jeweils 3 Kilometer zur Schule gefahren und wieder abgeholt wird, müssten rechnerisch 9 Fichten gepflanzt werden, um das entstandene Treibhausgas zu binden. Bei einer Schulklasse mit 30 Kindern wäre das ein halbes Fußballfeld voller Fichten. Aber das nur nebenbei.

Lasst sie doch einfach laufen. Eure Kinder.
Sie schaffen das.

 

Ein Unverständnis von Wolfram Hegen

 

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