SONDERTHEMA Mobilität: Bewegte Zukunft #26

Über die Mobilmachung des Alltags

Wer über MOBILITÄT nachdenkt, der zeichnet schnell das Bild einer Zukunft, die schon sehr nach Science-Fiction klingt: Selbstfahrende Autos, fliegende Drohnen und autonome Flug-Taxis. Glaubt man Zukunftsforschern wie Aric Dromi, ist diese Zukunft gar nicht mehr so fern. Doch wie hoch ist der Preis, den wir für diesen Fortschritt – und die meisten Menschen empfinden Mobilität als solchen – bezahlen? Ist immer noch mehr Mobilität nur Segen oder kann es auch Fluch sein? Und was muss die Politik tun, um mit dieser Entwicklung standzuhalten?

Das Strom-Taxi wird das Auto wie wir es kennen ablösen

Wer nicht gerade in der Automobil- oder der Automobilzulieferer-Industrie sein Geld verdient oder einfach ein Liebhaber von PS-starken Autos mit fossilem Antrieb ist, der könnte in der neuen Welt, auf die wir da offenbar zusteuern, das gelobte Land sehen: Von Diesel und Benzin angetriebene Autos, so sehen es die Zukunftsforscher voraus, werden schon bald aus den Innenstädten verbannt sein. Stattdessen werden nur noch selbst fahrende, mit Strom angetriebene Fahrzeuge in Bewegung sein – und das so kontrolliert und gesteuert, dass es zu keinen Unfällen und in der Folge auch zu keinen Staus mehr kommen wird. Weil die Menschen diese eher schmucklosen Autos aus Karbon oder Zellstoff nicht mehr kaufen, sondern sie mittels Apps oder anderer Hilfsmittel nur bei Bedarf wie ein Taxi zu sich bestellen werden, werden viele Flächen, auf denen heute Autos, Busse und Lkws fahren, im Stau stehen oder parken, für andere Zwecke frei – für Wohnraum, Grünflächen oder Freizeitoasen.

Rund 15 Jahre gibt der Futurologist Aric Dromi der Menschheit noch, bis auch das Auto zum sogenannten „Internet der Dinge“ gehören wird, genauso wie der Kühlschrank, der Milch oder Joghurt nachbestellt, und der Fernseher, den wir dann endgültig nicht mehr linear nutzen werden. Alle Geräte unseres täglichen Bedarfs werden wir mit demselben Gerät, mit derselben App steuern, glaubt er. Damit wird der Mensch mobiler, obwohl er sich zunächst weniger bewegen muss. Denn dann erledigt eine intelligente Software das, wofür wir im Moment noch das Haus oder zumindest die Couch verlassen müssen.

Einerseits dient uns also die moderne Technik. Andererseits ist es schon heute so, dass sie uns krank macht. Nicht nur Firmen werben mit „Mobilitätsgarantien“. Auch die Menschen glauben, jederzeit für Kunden oder den Arbeitgeber erreichbar sein zu müssen. Das Smartphone ist immer an. Dienst-Mails werden auch in der Freizeit gecheckt. Psychische Erkrankungen wie „Burn-Outs“ sind die Folge.

Das „zweite Maschinenzeitalter“: Arbeit wird knapp

Dabei hat der gesellschaftliche Wandel hin zu einer Welt, in der uns Computer und Roboter mehr und mehr unliebsame Arbeiten abnehmen, gerade erst begonnen. Die Folgen dieses „zweiten Maschinenzeitalters“ für die Gesellschaft, insbesondere für die Arbeitswelt, können wir uns kaum ausmalen. Sicher ist: Sie werden unser Leben von Grund auf verändern.

Laut der Oxford-Studie über die Zukunft der Arbeit werden bis in 20, 25 Jahren knapp die Hälfte aller normalen Jobs wegfallen – und das beinhaltet auch anspruchsvollere, geistige Arbeit. Nicht nur Bus- und Taxifahrer werden schon bald arbeitslos sein, weil sie schlicht nicht mehr gebraucht werden. Auch das Bank- und Versicherungswesen, Anwälte, Architekten, Journalisten und viele andere Berufsgruppen werden bluten, denn viele Jobs werden reihenweise obsolet, wenn sie von künstlichen Intelligenzen erledigt werden. Andere Berufsbilder wiederum werden sich radikal verändern, etwa in der Medizin oder im Bildungswesen – an Schulen und Universitäten.

„Mobilitätsgarantien machen krank“

Die Politik muss Antworten finden – schnell

Damit einhergehen gigantische Herausforderungen an die Politik. Für die wenigen neuen, dann hoch spezialisierten Jobs, die noch entstehen, werden die meisten Menschen nicht befähigt sein. Ohne berufliche Perspektive könnte bei vielen ungeahntes Aggressionspotenzial zu Tage treten. Arbeitslosigkeit, Armut und die Suche nach einem Sinn kann sich in Gewalt, Protestaktionen, ja auch Protestwählen niederschlagen. Die Politik muss auf all diese Entwicklungen reagieren und Antworten finden. Eine dieser Antworten könnte das bedingungslose Grundeinkommen sein, das derzeit in Finnland einem ersten Praxistest unterzogen wird und das die in Kiel regierende Koalition aus CDU, FDP und Grünen auch in Schleswig-Holstein auf Länderebene testen will. Auch das Gesundheitssystem muss sich verändern, ebenso das Bildungssystem. Nicht zuletzt muss die Politik die Weichen für den Umstieg auf Elektromobilität stellen.

Und damit sind wir zurück beim Auto der Zukunft. Denn das wird definitiv das Elektroauto sein. Der erste Automobilhersteller, der trotz ordentlicher Absatzzahlen gerade komplett auf die Produktion von Elektroautos umsattelt, ist Volvo. Ab 2019 werden die Schweden keine neuen Modelle mehr mit reinen Verbrenner-Antrieben auflegen. Neben Hybriden sollen fünf neue Elektroautomodelle kommen. Ab dem Jahr 2025 werde Volvo dann laut Firmenchef Håkan Samuellson eine reine Elektroautoflotte haben.

Elektromobilität: Nur zukunftsträchtig mit regenerativer Energie

Ein mutiger Schritt. Denn dass der Umstieg auf Elektromobilität gelingen muss, wenn wir unsere Klimaziele auch nur annähernd erreichen wollen, ist zwar in den Köpfen angekommen. Laut Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), muss aber eine Gesamtlösung her, die Elektromobilität mit Hilfe regenerativer Energien ermöglicht und so zwei Zukunftstechnologien verzahnt.

Eine höhere CO2-Belastung wie derzeit gab es laut Quaschning in der Menschheitsgeschichte noch nie. Mehr Elektromobilität bedeutet aber zunächst einmal einen deutlich höheren Strombedarf. Es wäre nicht viel gewonnen, wenn dieser Strom wie bisher hauptsächlich aus Kohlekraftwerken oder anderen fossilen Quellen stammte. Das Ziel müsse deshalb lauten, bis zum Jahr 2040 eine CO2-freie Energieversorgung zu erreichen. Energieeffizienz muss gesteigert, der Energieverbrauch deutlich nach unten gedrückt werden!

Aric Dromi, der übrigens Volvo berät, glaubt deshalb, dass es zumindest in den großen Städten eher fliegende Autos geben wird als funktionierende Verkehrssysteme mit selbst fahrenden Autos. Eine teure und aufwändige Infrastruktur ist dafür nicht nötig. Firmen wie Uber und Airbus arbeiten längst an Drohnen für den Personenverkehr. In Dubai läuft seit vergangenem Jahr ein Pilotprojekt mit autonomen Flugtaxis.

Mobilität heißt wörtlich übersetzt Beweglichkeit. Gemeint sind damit laut Duden aber auch Flexibilität, Erreichbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Der Mensch wird in der neuen „Science-Fiction-Welt“ davon noch eine große Portion brauchen. Die Zukunft hat begonnen!

von Wolfram Porr

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