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SONDERTHEMA Sicherheit: Big Brother? #27

Personalisierte Werbung im Internet, weiterführende Links zu Themen, die einen wirklich interessieren, kleine Sprachcomputer, die einem innerhalb von Sekunden die Welt erklären – toll, oder? Im Prinzip ja. Wären da nicht ein paar Nebengeräusche, die einem schon Angst machen können: Werden die Daten, die wir Social-Media-Giganten wie Facebook oder Google mehr oder weniger freiwillig überlassen, wirklich nur zu unserem Nutzen verwendet oder geht es um etwas ganz anderes? Hören uns Facebook & Co. vielleicht sogar ab? Die Antwort auf diese Fragen ist so kurz wie unbefriedigend: Wir wissen es nicht genau.

Das Phänomen kennt fast jeder: Sie surfen zu einem bestimmten Thema auf diversen Internetseiten oder geben entsprechende Begriffe in ihre Suchmaschine ein, und schon kurz danach poppt dazu passende Werbung auf. So weit so gut. Ist ja vielleicht in dem Moment sogar nützlich. Deutlich kitzliger wird es, wenn es im Internet gar keinen Suchvorgang gab, Ihnen aber trotzdem plötzlich Werbung angezeigt wird, die zu dem passen, was sie kürzlich am Mittagstisch mit der Familie oder im Büro mit den Kollegen besprochen haben. Nicht wenige Nutzer haben daher das beklemmende Gefühl, über diverse Apps (Facebook, WhatsApp) belauscht zu werden. Entsprechende Verschwörungstheorien kursieren zuhauf. Doch ist da wirklich was dran?

Das Katzenfutter-Experiment

„Neville“, ein YouTuber aus den USA, ist sich sicher, dass uns Facebook abhört. Vor etwa zwei Jahren startete er deshalb folgendes Experiment: Ohne vorher jemals zu dem Thema im Internet recherchiert zu haben, begann er sich am Smartphone mit seiner Frau über Katzen und Katzenfutter zu unterhalten. Nichts Schriftliches. Keine Suche im Internet. Nur diese Unterhaltung und das immer wiederkehrende Schlüsselwort „cat food“. Nach zwei Tagen wurde Neville, der noch nie eine Katze hatte oder sonst mit dem Thema in Berührung gekommen war, von Facebook Katzenfutterwerbung angezeigt.

Es gibt noch mehr solcher Experimente, und viele Menschen können ganz ähnliche Geschichten erzählen. Habe ich mich nicht neulich mit einer Freundin über Neuseeland unterhalten – einer Urlaubsregion, die für mich schon wegen meiner Flugangst nie ernsthaft in Frage kommen und nach der ich deshalb im Internet auch nie suchen würde? Wenige Tage danach bekam ich Angebote für Flüge nach Auckland und die Werbung einer australischen Airline angezeigt. Und dann gab es beim Musiker-Stammtisch neulich die Diskussion über diesen US-amerikanischen Songwriter, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Prompt wurden mir anschließend seine Alben in einer Amazon Werbung feilgeboten.

Facebook beteuert: Wir hören nicht mit

Alles nur Zufall? Oder wie lassen sich solche Phänomene dann erklären, wenn uns wirklich niemand abhört? Diesbezügliche Gerüchte gibt es schon, so lange es Handys gibt. Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers hat sie in seinem Roman „Der Circle“, in dem er deutlich auf Facebook anspielt, auf die Spitze getrieben. Und spätestens seit die elektronischen „Sprachassistenten“ Siri, Alexa und Cortana in immer mehr Haushalten zum Einsatz kommen, häufen sich die Vermutungen, dass nicht jedes Wort, das man zu Hause spricht, auch in den eigenen vier Wänden bleibt.

Grundsätzlich gilt: Wo es ein Mikrofon gibt, da gibt es theoretisch auch eine Abhörmöglichkeit. Ein Beispiel, das jeder kennt: das Babyphone. Nach einem ganz ähnlichen Prinzip könnten auch Apps Anrufe und Sprachnachrichten mithören. Bisher beteuern Facebook & Co. allerdings, dass sie das nicht tun: „Weder Facebook noch WhatsApp hören mit. Beide Apps greifen nur dann auf das Mikrofon zu, wenn ein Nutzer dies den Apps vorher ausdrücklich erlaubt hat und eine bestimmte Funktion aktiv nutzt, die Audiosignale erfordert (…) „, lässt Facebook verlauten.

Offline-Einkaufsverhalten gibt Hinweise

Auf keinen Fall würden Handymikros dazu genutzt, um passende Werbung zu schalten. Nach langwierigen Recherchen kam auch eine Journalistin des Wall Street Journal zu dem Ergebnis, dass die Konzerne uns nicht abhören. Dafür, dass wir trotzdem personalisierte, oft genug erstaunlich passgenaue Werbung eingeblendet bekommen, hat sie eine andere Erklärung: So geben Datenhändler Informationen über unser Offline-Einkaufsverhalten an Facebook weiter. Entsprechende Datenabdrücke hinterlassen wir, wenn wir zum Beispiel an der Supermarktkasse mit der Deutschland- oder der Payback-Card zahlen. Außerdem überwacht Facebook unser Surfverhalten via „Web-Tracking“. Manchmal reiche es auch aus, unseren Standort zu kennen, um passende Werbung zu platzieren.

Netzexperte Michael Seemann, der sich in einem eigenen Blog („crtl+verlust“) mit dem Kontrollverlust im Internet beschäftigt, glaubt ebenfalls nicht an „Big Brother Facebook“ und den großen Lauschangriff, schon aus technischen Gründen. „Zum einen wäre das sehr aufwändig. Es müssten große Rechenzentren aufgebaut werden, die diese Spracherkennung durchführen“ sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Und weiter: „Das ist von der Nutzen-Kosten-Kalkulation völliger Irrsinn. Der andere Grund ist, dass diese Datenübertragung natürlich von den Betriebssystemen und den Sicherheitsforschern (…) bemerkt worden wäre.“

Der Vertrauensverlust wäre riesig

Hinzu kommt: Facebook machte sich strafbar, würden der Konzern heimlich die Daten seiner App-Nutzer sammeln und auswerten. Und käme es heraus, wäre der Vertrauensverlust wohl unumkehrbar. Würde Facebook das riskieren? Ohnehin hat der Konzern viel an Vertrauen eingebüßt, seit bekannt wurde, dass Daten von 50 Millionen Nutzern an den Datenanalysten Cambridge Analytica verkauft wurden, welcher diese dann für den Wahlkampf von Donald Trump instrumentalisierte.

Andererseits: Seit Jahrzehnten schert sich der Konzern nicht wirklich um Gesetze. Immer wieder bewegt er sich rechtlich an der Grenze oder überschreitet diese bisweilen sogar, zuletzt als er die WhatsApp-Daten deutscher Nutzer ungefragt beim Mutterkonzern in den USA speicherte. Datenschutzbeauftragte und Justizbehörden reagieren nicht selten hilflos, wenn es darum geht, Firmen wie Facebook zu kontrollieren. Auf Seiten der Länder fehlt es an Personal und Knowhow, auf Seiten von Facebook schlichtweg an Transparenz. „Genau genommen weiß nicht einmal Facebook selbst wie Facebook wirkt“, sagt der bekannte Internet-Blogger Sascha Lobo und trifft damit wohl den Nagel auf den Kopf.

Was kann der Einzelne tun?

Facebook ist deshalb schwer zu kontrollieren, weil unklar bleibt, wie es genau funktioniert. Um das zu ergründen, müssten die übertragenen Informationen entschlüsselt werden dürfen. Doch so weit sind wir noch nicht. Was heißt das nun für uns User? Skepsis gegenüber dem Datenriesen ist sicher angebracht, auch wenn es für die Behauptung, Facebook würde Gespräche mithören, allenfalls nicht bewiesene Indizien gibt. Facebook weiß auch so verdammt viel über uns. Manchmal raten die Algorithmen auch einfach, was uns interessieren könnte. Jeder Zufallstreffer fällt uns dann umso mehr auf. Studien belegen, dass Menschen dazu neigen, gegenüber Apps umso unkritischer zu sein, je „cooler“ sie sind und je mehr sie ihnen nutzen. Wer das weiß, kann seine Verhaltensweisen anpassen, gegebenenfalls seine Privat-Einstellungen überprüfen oder den Zugriff aufs Handymikro verweigern. Letztlich muss jeder einzelne selbst entscheiden, was ihm wichtiger ist: der Nutzen einer App wie Facebook oder die Kosten, in diesem Falle die Preisgabe seiner persönlichen Daten.

von Wolfram Porr

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