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SONDERTHEMA Umwelt – Schein und Sein und Selbstbetrug #29

Schein und Sein und Selbstbetrug

Natürlich sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit eine gute Sache! Fin den Sie doch auch?! Aber für die vergessene Tüte Milch fahren Sie dann doch häufig schnell noch mit dem Auto zum Supermarkt, oder? Geht ja auch einfach schneller.

Die Arbeitsbedingungen von Näherinnen in Bangladesch oder anderswo und ihre Ausbeutung sind definitiv ein Skandal. Mit dem Primark-T-Shirt für drei Euro oder der H&M-Klamotte für 6,95 Euro kann man aber ja nichts falsch machen. Richtig? Sie fühlen sich ertappt? Dann geht es Ihnen wie ganz vielen Menschen. Eine bestimmte Einstellung zu haben und entsprechend so zu handeln, das sind nicht selten zwei verschiedene Paar Schuhe. Und gerade beim Thema Ökologie und Umweltschutz tun wir uns wahnsinnig schwer, unsere hehren Absichten und Vorsätze immer auch in Taten umzusetzen. Ein Phänomen. Aber menschlich.

von Wolfram Porr

Als der Naturphilosoph, Astrophysiker und TV-Moderator Harald Lesch kürzlich in einer Radio-Talkshow nach DEM Rätsel gefragt wurde, das er gerne gelöst wüsste, antwortete er : „Eines der größten Rätsel für mich ist, warum wir Menschen mit der Gabe ausgerüstet sind, auf der einen Seite unheimlich viel über die Welt wissen zu können und sich doch häufig wider besseres Wissen verhalten.“ Aber warum ist das so? Wieso kann der Mensch so gut verdrängen und sich selbst etwas vormachen? Laut einer repräsentativen Umfrage des Umweltbundesamtes ist sich eine große Mehrheit der Deutschen der Umweltprobleme auf unserem Planeten bewusst und hält viele davon sogar für „sehr bedrohlich“. Den meisten von ihnen ist auch klar, dass viele dieser Probleme mit dem eigenen Konsum zu tun haben.

Fragt man die Deutschen, dann sind sie selbstverständlich mehrheitlich bereit, ihre Lebensweise umzustellen und in ihrem eigenen Leben Abstriche zu machen. Mehr Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen? Kein Problem. Bio- oder fair gehandelte Lebensmittel kaufen? Eh klar. Lieber das etwas teurere Hackfleisch vom Landmetzger kaufen als die Billigware eines Großschlächters aus Massentierhaltung? Ehrensache. So schön, so gut. Doch leider scheint das alles nicht zu stimmen. An der Ladentheke oder beim Autohändler scheinen alle Ideale vergessen. Der Anteil der SUVs im deutschen Straßenverkehr und damit der CO2-Ausstoß nimmt immer weiter zu. Der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln liegt noch immer deutlich unter zehn Prozent. Und es gäbe noch mehr Beispiele. Da passt etwas hinten und vorne nicht. Warum also um alles in der Welt tun wir so, als gingen uns die Probleme nichts an?

Innere Widersprüchlichkeit wird toleriert

In der Psychologie ist dieses Phänomen als „Ambiguitätstoleranz“ bekannt. Das bedeutet: Menschen haben in der Regel kein Problem, wenn ihr Handeln von ihrer Einstellung abweicht, erklärt Roland Alexander Quabis, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Widersprüchlichkeit wird dann eben toleriert. Hinzu komme, so Quabis, dass man, wenn es um das Thema Umweltschutz geht, oft nicht klar sagen kann, wie umweltschädlich ein Verhalten nun genau ist. Dies führe dazu, dass Menschen Ausflüchte suchen und ihr Verhalten rechtfertigen, zum Beispiel indem sie anführen, es gebe schließlich noch schlimmere Alternativen. Der dritte Punkt ist der, dass Menschen gerade beim Thema Ökologie das Gefühl haben, sie seien weit und breit die Einzigen, die etwas tun. Das belegt eine kanadische Studie: Ein Schild mit der Aufschrift „bitte hinterlassen Sie keinen Müll“ bewirkte in einem Nationalpark deutlich weniger als ein Schild, auf dem stand: „Danke, dass 98 Prozent unserer Gäste keinen Müll hinterlassen.“ Beim zweiten Schild, so die Psychologen, hätten die Besucher geglaubt, sie seien eben nicht die Einzigen, die sich an die Aufforderung hielten.

Bekannt ist auch ein anderes Verhaltensmuster: Jeder Mensch versucht sich anderen gegenüber positiver darzustellen, als es tatsächlich angesagt wäre. Auch in Umfragen. Wenn Menschen also doch danach streben, ihre inneren Widersprüche miteinander in Einklang zu bringen, dann funktioniert dies auf zweierlei Weise: Entweder passen sie ihr Verhalten an die Einstellung an oder – was deutlich bequemer ist – die Einstellung ans Verhalten. So biegt man sich dann jede Situation zurecht, indem man zum Beispiel sagt, für die vergessene Tüte Milch zu Fuß zum Supermarkt zu laufen, würde jetzt einfach zu lange dauern.


„Welche Folgen hat mein Handeln, meine Kaufentscheidung? Wer sich immer wieder diese Frage stellt, der wird auch ethischer und nachhaltiger handeln.“


„Ökos“ gelten immer noch als „Spinner“

Erschwerend kommt hinzu, dass Personen, die ihr Verhalten nach einer ökologischen, nachhaltigen Lebensweise ausrichten, bei vielen immer noch mindestens als seltsame Eigenbrödler, wenn nicht sogar als Spinner gelten. Die Meldung, dass der englische Thronfolger Prinz Charles noch immer ein Jackett aus dem Jahr 1969 trägt, sorgte doch eher für belustigte Reaktionen. Wer vegetarisch oder gar vegan lebt, wer in der Politik etwa ein Tempolimit auf  deutschen Autobahnen fordert, eine höhere Flugbenzinsteuer oder gar einen „Veggie-Day“ fordert, wird als unverbesserlicher Ökoapostel abgestempelt. Und seit einem Jahr sitzt eine Partei im Bundestag, die alle wissenschaftlichen Studien zu dem Thema einfach ignoriert und allen Ernstes bestreitet, dass es einen Klimawandel gibt.

So lange das so ist, so lange das jeder einzelne von uns zulässt, so lange bleibt es schwierig. Ein Paradigmenwechsel müsste her: Nicht mehr der „Öko“ darf der Außenseiter oder Spinner sein, sondern derjenige, der sein Kind die 400 Meter mit dem SUV in die Schule chauffiert. Die Zahlen der oben genannten Studie belegen doch: Die Menschen würden gerne umweltbewusster und nachhaltiger leben, aber sie tun sich schwer. Und warum ist das so? Weil auf einen Bioladen immer noch 20 herkömmliche Supermärkte kommen, weil Etikettenschwindel bei Produkten dafür sorgt, dass Verbraucher eben nicht zum Ökoprodukt greifen, weil es immer noch anstrengend und unbequem ist, sich richtig zu informieren.


„Fragt man die Deutschen, dann sind sie selbstverständlich mehrheitlich bereit, ihre Lebensweise umzustellen und in ihrem eigenen Leben Abstriche zu mache (…) Doch leider scheint das alles nicht zu stimmen.“


Umwelt-Ampel statt Öko-Etikettenschwindel

In erster Linie ist die Politik gefordert, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die Weichen für diesen Paradigmenwechsel zu stellen. Was weh tut und teuer ist, wird eher hinterfragt. Entscheidungsträger in Politik und Industrie sollten außerdem endlich darauf drängen, dass Verbraucher schneller erkennen können, ob ein Produkt umweltverträglich ist oder nicht. Wenige, dafür streng überwachte Umweltsiegel wären ein Lösungsansatz, ebenso auffällige und lesbare Hinweise auf den Verpackungen, woher ein Produkt stammt, ob es recycelbar, fair gehandelt oder wie schädlich es für das Klima ist. Auch die häufig geforderte „Umwelt-Ampel“ könnte dafür sorgen, dass Umweltbewusstsein künftig keine theoretische, abstrakte Sache mehr ist, sondern in den Alltag einfließt und zur selbstverständlichen Leitlinie der Menschen wird.

Und was kann man im Kleinen tun? Ein erster Schritt wäre es, bewusster durchs Leben zu gehen. Welche Folgen hat mein Handeln, meine Kaufentscheidung? Wer sich immer wieder diese Frage stellt, der wird auch ethischer und nachhaltiger handeln. Wen das überfordert, der findet schon jetzt Hilfe, zum Beispiel im Internet. Seiten von Umweltorganisationen, von Öko-Test oder ehrenamtlichen Initiativen wie rankabrand.de geben anhand unabhängiger Tests wertvolle Hinweise.

Von „Interessant“ zu „Relevant“

Psychologen setzen als Lösungsansatz übrigens auf Rollenvorbilder. Und damit sind wir wieder bei Harald Lesch. Der hat nach eigenen Worten in den letzten Jahren in seinem Handeln eine Wandlung vollzogen, die er den „Übergang von ‚interessant‘ zu ‚relevant‘“ nennt. „Ich habe gemerkt, ich bin nicht der Typ, der gerne am Rande des Universums irgendwelche Rätsel löst und zuhause geht alles den Bach runter. Ich bin lieber zuhause und (…) helfe, dass es nicht den Bach runtergeht.“ Das Rätsel, warum sich der Mensch oft so widersprüchlich verhält, bleibt. „Es wäre schön, wenn möglichst viele das Rätsel dadurch  aufzulösen würden, dass wir das Richtige tun.“ Danke für dieses Schlusswort, Herr Lesch!

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