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SONDERTHEMA Umwelt – Tempowechsel #29

Tempowechsel – Über die Verstädterung der Lebensumwelt

Wieder eine Sirene. Heulend rast der Rettungswagen. Dahinter noch einer. Menschen hasten über Gehwege, auf dem Nachhauseweg schnell den Einkauf erledigen. Weichen fluchenden Radfahrern aus, rempeln Passanten an, hetzen zur Bahn. Schrilles Quietschen des einfahrenden Zuges. Der Waggon gnadenlos überfüllt. Stress. Schrilles Kindergeschrei übertönt den laut telefonierenden Geschäftsmann. Die Tür der Bahn schließt mit lautem Getöse.

von Julia Grahn

120.000 stressfreie Generationen

Puh. So oder so ähnlich sieht er aus, der Tag eines Stadtbewohners. Morgens hetzt er mit dem Coff ee to go in der Hand zur Arbeit, abends zurück. Und das mit einer zehn Prozent höheren Schrittgeschwindigkeit als noch vor 20 Jahren. Der Städter ist vor allem eins: gestresst. Denn Stadtleben strengt an. Es ist zu hektisch, zu schnelllebig, zu laut. Trotzdem hat die Verstädterung in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen. Während 1950 nur rund ein Drittel aller Menschen in Städten lebte, ist es heute bereits die Hälfte. Im Jahr 2050 werden etwa 70 Prozent der Menschheit ihr Leben in Städten verbringen. Der menschliche Organismus aber ist für das Leben in der Stadt nicht geeignet. Betrachtet man die Evolution, dann lebte der Mensch über 120.000 Generationen lang stressfrei als Jäger und Sammler vor sich hin, nur manchmal durch ein Mammut oder einen Säbelzahntiger gestört. Erst seit 10 Generationen ist er von der Industrialisierung beeinflusst, nur eine Generation bekam bisher die Auswirkungen der Digitalisierung zu spüren. Der Mensch also ist fürs Stadtleben nicht gemacht. Oder besser gesagt: Er muss sich erst noch daran gewöhnen. Und das wird wohl noch etwas dauern, denn zumindest die Evolution lässt sich Zeit.

Bloss schnell nach Hause

Das Gefühl, dass das Leben in der Stadt die Nerven strapaziert, kommt also nicht von ungefähr und ist bei weitem nicht neu. Bereits an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, im fin de siècle also, spürten die Menschen in den Städten Europas eine Überreizung der Nerven. Diese rührte einerseits vom massenhaften Zuzug von Menschen her, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Städte strömten. Andererseits sorgten in der sogenannten „Zweiten Industriellen Revolution“ neue Technologien in der Elektroindustrie für eine rasante Beschleunigung des Lebens. Elektrische Straßenbahnen und Busse ersetzten die Pferdebahn, mithilfe der neuen Kommunikationsmittel Telefon und Telegraph konnten selbst größte Entfernungen überwunden werden. Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, das Gefühl, sich in der Masse zu verlieren, machten sich breit und Nervenschwäche war das neue mal de siècle. Für das Krankheitsbild wurden die modernen Lebensbedingungen verantwortlich gemacht. Auf der Flucht vor der Masse zogen die Menschen sich in sich selbst, in die eigenen vier Wände zurück. Auch der zeitgenössische Stadtbewohner folgt diesem Impuls: Bloß schnell nach Hause, bloß weg aus dem Chaos draußen. Denn unser Gehirn kann die Vielzahl von Reizen nicht verarbeiten, denen es ständig ausgesetzt ist. Und so haben wir das Gefühl, überfordert zu sein, überflutet von Reizen. Es wird uns alles zu viel. Hektik, Menschenmassen und permanente Reizüberflutung sind allerdings nicht die einzigen Stressfaktoren im Leben eines Städters. Auch der Lärm, dem er Tag und – wenn er Pech mit der Lage seiner Wohnung hat – Nacht ausgesetzt ist, sorgt für Stress. Denn Lärm und hier vor allem Verkehrslärm lässt den Organismus Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausschütten. Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Das häufige Sirenengeheul ist kein Wunder.


„Der Mensch also ist fürs Stadtleben nicht gemacht. Oder besser gesagt: Er muss sich erst noch daran gewöhnen. Und das wird wohl noch etwas dauern, denn zumindest die Evolution lässt sich Zeit.“


Stadt kriecht ins Hirn

Für die Wissenschaft ist das Thema schon länger interessant. Jemand, der sich auf diesem Gebiet auskennt, ist der Kölner Stressforscher Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin. Er schrieb das Buch „Stress and the City: Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind“. Darin beschreibt er Stadtstress als „Kriechstress“, der meist unbemerkt bleibt und erst dann wirklich gefährlich wird, wenn bereits andere seelische Belastungen wie beruflicher Druck oder Probleme im Privatleben vorhanden sind. Dann kann der zusätzliche Stadtstress das Fass zum Überlaufen bringen und sogar zu einer Depression oder Angststörung führen. Schlafstörungen, Depressionen, Angst. Die möglichen Folgen von Stress und Lärm sind vielfältig. Und sogar im Gehirn nachweisbar: »Die Amygdala ist deutlich aktiver, je größer die Stadt ist, in der eine Person lebt.«, so Adli. Diese Hirnregion ist unter anderem an der Entstehung von Depressionen und Angst beteiligt. Und so kommt es, dass Städter 1,5 Mal häufiger an Depressionen und 1,2 Mal öfter unter Angststörungen leiden als Landbewohner. Das Risiko, eine Schizophrenie zu entwickeln, ist bei Stadtmenschen sogar doppelt so hoch. Da verwundert es nicht, dass viele und vor allem junge Menschen der Stadt mittlerweile den Rücken kehren und das Landleben wieder neu entdecken.


„Die Vorteile der Stadt wiegen für die meisten von uns die Nachteile der Stadt auf, bei weitem sogar.“


Die andere Seite

Adli bricht dennoch eine Lanze für die Stadt und das Leben darin: „Die Vorteile der Stadt wiegen für die meisten von uns die Nachteile der Stadt auf, bei weitem sogar.“ Denn in der Stadt gibt es die bessere Gesundheitsversorgung, größeren Wohlstand, mehr kulturelle Vielfalt, bessere Bildungschancen und Förderprogramme für Kinder. Ein weiterer urban advantage, der sich ausgerechnet aus der viel beklagten großstädtischen Anonymität ergibt, ist für viele Menschen die Freiheit, ihr Leben nach ihren Wünschen leben zu können – ohne ständig unter nachbarlicher Beobachtung zu stehen. Sogar für Kinder sieht Adli – entgegen der landläufigen Meinung, die Kindheit auf dem Land sei die bessere Kindheit – Vorteile: „Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Kinder, die mit der Diversität der Stadt aufwachsen, auch an ihr reifen können. Ich glaube, dass ein Aufwachsen in der Stadt uns vielleicht viel leichter zu demokratischen Bürgern werden lässt, weil wir eben mit der Vielfalt unserer Welt einen Umgang finden.“

Grüne Städte

Einen Umgang mit dem Stadtstress finden wir, indem wir uns unsere ganz eigenen Ruheoasen und Auszeiten schaffen. Mit Hobbys wie Yoga, regelmäßigen Spaziergängen im Grünen und kleinen Wochenendausflügen aufs Land können wir der Hektik schon sehr effektiv entgegenwirken. Typisch „ländliche“ Hobbys wie Gärtnern oder die Imkerei sind ohnehin längst in der Stadt angekommen und selbst auf Balkonen oder Dächern möglich. Auch hier kann man sich ganz einfach seinen privaten Gemüse-, Kräuter- oder Blumengarten schaffen. Der städtische rooft op honey jedenfalls scheint einen klaren Vorteil gegenüber dem vom Lande zu haben: Da die Blumen in der Stadt nicht mit Pestiziden behandelt werden, ist auch der Honig in dieser Hinsicht unbelasteter.

Vielleicht ist die Stadt ja sogar das bessere Land?

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