SONDERTHEMA Verantwortung – Grenzenlos #23

Eine deutsch-deutsche Geschichte über Verantwortung

Als die Diez Fördertechnik und Systeme GmbH Anfang der 1990er Jahre im Gewerbegebiet An der Müß in Sonneberg gebaut wurde, gab es eigentlich noch kein Gewerbegebiet dort, nur braches Land. Es gab kaum Infrastruktur. Es gab viele Arbeitslose. Aber es gab Menschen, die Verantwortung übernommen haben. Für sich, für andere, und vor allem für ein Miteinander der Menschen auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze. Eine kleine Familiensaga, aufgeschrieben von Wolfram Hegen.

Verantwortung trägt viele Gesichter. In diesem Fall die von Werner Diez und seiner Tochter Cindy Diez-Zien, die Platz genommen haben an einem Tisch, der zum gemütlichen Hinlümmeln nicht taugt, sondern eher in Stehhöhe angebracht als Symbol für Dynamik steht, im ersten Stock ihrer Firma in Sonneberg an der Müß in einem Raum, „in dem wir uns eigentlich kaum aufhalten, weil wir ja dauernd unterwegs sind“, wie Werner Diez am Ende des Gesprächs sagen wird, Verantwortung trägt aber auch das Gesicht der Familie , seines mittlerweile verstorbenen Schwiegervaters, und seiner Frau, die zwar diesem Gespräch nicht beiwohnen konnte, aber immer irgendwie gegenwärtig schien, „weil wenn wir von Verantwortung für die Region sprechen, ist sie der absolute Prototyp“, ein Satz, der andeutet, wie vielseitig Verantwortung empfunden und gelebt werden kann, ob für die Heimat, für ein Unternehmen, für Mitarbeiter, für Freunde, für Hilfsbedürfte – und natürlich für die Familie.

„Wenn man Erfolg haben will, muss man hart arbeiten und man muss Verantwortung übernehmen, sonst geht das nicht. Und man braucht viel Geduld.“

Existenzfragen

Diese Frage nämlich steht am Anfang einer eindrucksvollen fast idealtypischen deutsch-deutschen Geschichte, die ohne die Übernahme von Verantwortung nie geschrieben worden wäre. Werner Diez aus Judenbach bei Sonneberg, damals ein Mann in den sogenannten besten Jahren, muss sich 1990 die Frage stellen, wie es weitergehen soll in seinem Leben, das bis dahin von einer Spielwarenindustrie geprägt worden war, die nun vor dem Untergang steht. Eine Frage, die er für sich und seine Familie dringend beantworten muss, um eine Zukunft zu haben, um überhaupt existieren zu können. Doch zunächst gerät er in die Mühlen der Wendebürokratie, als er das Kombinat Spielwaren in die Marktwirtschaft hinüberretten, den Betrieb in seinem Heimatort Judenbach weiterführen möchte, Arbeitsplätze erhalten, Treuhand und Kombinat aber Summen wollen, die er und sein Schwiegervater nicht stemmen können. Werner Diez also steht ohne Job da, wie so viele Menschen in der ehemaligen DDR in den bei aller Euphorie zutiefst verunsichernden Zeiten Anfang der 1990er Jahre, die viel von den Menschen verlangen, von manchen zu viel, die scheitern, viele aber kämpfen sich hinein in ein neues System, Schicksale, die bis heute wenig gewürdigt werden, vielleicht zu wenig, so dass viele Menschen in den neuen Bundesländern sich bis heute nicht angekommen fühlen, oder besser, nicht angenommen fühlen.

Glücksmomente

Werner Diez gehört zu den Kämpfern. Dabei wird er unterstützt von seiner Frau, die ihm beratend zur Seite steht, sich verantwortlich fühlt, ihn in die Verpflichtung für die Familie nimmt, eine Frau, deren Rolle in seinem Leben er mit jenem Satz beschreibt, der heute wie aus der Zeit gefallen daherkommt, archaisch, weil er so gar nichts mit einem modernen Rollenbild zu tun hat: „Hinter jedem guten Mann steckt ebenso eine ebenso zielorientierte Frau“. Er sagt das in Demut, voller Anerkennung, nicht aus einem rückwärtsgewandten Männerbild heraus. Werner Diez also tut das, was seine Familie als richtig ansieht: „Such Dir was anderes“. Und auch dabei hat er Glück. Bei einem Bewerbungsgespräch um eine Stelle lernt er zufällig einen Mann kennen, der im Staplergeschäft tätig ist, ein Scharlatan zwar, wie sich später herausgestellt, ein Mann, der sein vermeintliches Know-How anwendete, um die momentane politische Lage für sich zu nutzen und das mit nicht immer rechtschaffenden Mitteln, einer fast skrupellosen Geschäftemacherei mit den damals in Sachen Marktwirtschaft unerfahrenen und verunsicherten Menschen aus den neuen Bundesländern vielleicht mehr kaputtgemacht haben als Politik, Gesellschaft und verantwortungsvolle Unternehmen es in knapp 30 Jahren wieder heilen können, aber eben der Einstieg in das Geschäft, das er bis heute betreibt. Als er nämlich kein Geld mehr bekommt, die Firma in Steinach bei Sonneberg vor dem Aus steht, übernehmen sein Schwiegervater und er Verantwortung, den Betrieb, einen Teil der alten Verbindlichkeiten. Doch wie es weitergehen soll, wissen sie nicht, eine Perspektive gibt es nicht. Wieder aber hat Diez auch Glück.

„Wenn wir von Verantwortung für die Region sprechen, ist der Prototyp meine Frau. Sie ist in der Industrie- und Handelskammer aktiv, hat Firmenstammtische gegründet, den WIR-Verein nach vorne gebracht, die Famos-Messe, hat die Mitgliedschaft in der Metropolregion Nürnberg forciert.“

Aufbruchszeiten

In seiner Freizeit nämlich geht er gerne seinem großen Hobby nach, dem Chorsingen. Dabei kommt er in Kontakt mit einem Mann aus Göppingen, das Kehrbild zu denen, die diese Zeit der Wende nur für sich nutzen wollten, einem Steuerberater, wie sich herausstellt, mit dem er sich lange auch über das Unternehmen unterhält, über seine Pläne, Sorgen und Nöte, wieder einer aus dem Westen, „ich hatte aber ein gutes Bauchgefühl“, und der ihn dann „an die Hand nimmt“, der sich irgendwie verantwortlich fühlt für seinen Freund aus Judenbach. „Das war ein Glückstreffer für uns“, sagt Werner Diez rückblickend. „Machschs was odr machschd nix“ fragt der Göppinger in tiefstem Schwäbisch seinen Chorfreund Diez. Und der beschließt, jetzt etwas zu machen. Eine richtige Rechtsform muss her, ein Neubau, eine Strategie, der Göppinger hilft, wo er kann, ist mehrmals pro Woche in Sonneberg, die beiden grasen die Banken ab auf der Suche nach einem Darlehen. Fast zwei Millionen Mark sind damals nötig, ein befreundeter Architekt aus Coburg hat die Summe ermittelt für das neue Betriebsgelände in Hönbach und die neuen Betriebsgebäude. Dieses steht für Diez als Synonym für den Aufbau der Ost-West-Kooperation, für das Geben und Nehmen in einem sich neu prägenden deutsch-deutschen Freundschaftsbild.

Grenzgänge

Diez bekommt das Geld, der Bau beginnt, sein Schwiegervater betreut ihn, die Aufträge gehen an Firmen aus Bayern und Thüringen, die Grenzen im Kopf haben die Diezens schon lange abgelegt, auch wegen solcher Begebenheiten wie 1993, als am Wochenende ein Jeep an der Baustelle hält, ein Mann aussteigt, fragt, was das für ein Unternehmen werden soll. „Gabelstapler“, sagt Diez. „So ein Quatsch. Wieder nichts Produzierendes“, motzt der plötzlich auftretende Gast. Diez trinkt einen Kaffee mit ihm, die beiden werden später gute Freunde. Der Jeepfahrer ist Chef einer im Landkreis Kronach ansässigen Firma, auch er hilft Diez, übernimmt Verantwortung, vermittelt Kontakte zu zahlreichen Firmen aus Oberfranken. „Das vergesse ich ihm nie“, sagt Diez rückblickend. Ihm wird auch klar, dass er ausbilden muss, damals, als junge Menschen noch händeringend auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, als es zu wenig Lehrstellen gibt. „Das haben wir gemacht, heute haben wir vor allem Leute in der Belegschaft, die wir selbst ausgebildet haben.“ Der Kronacher Freund ist einer von vielen, mit denen Diez ein enges Band verbindet, weit über das geschäftliche hinaus, Kronacher, Coburger, Sonneberger, viele Selbständige wie er.

Familienfragen

So kann Diez „step-by-step“ das Unternehmen bis heute aufbauen, oft mit „schlaflosen Nächten, wie soll ich bloß jemals die Schulden zurückzahlen.“ Und auch die familiäre Situation bereitet Sorgen, der Schwiegervater wird krank, verstirbt und hinterlässt ein menschliches Loch und auch eines im Unternehmen. Was tun? Die Familie ist gefordert. Die Frau ist Beamtin, ein sicherer Job auf Lebenszeit. Sie überlegen, denken nach. Ein halbes Jahr lang. Dann fällt die Entscheidung: Sabine Diez lässt den Staatsdienst hinter sich, drückt noch einmal die Schulbank, wechselt in die freie Wirtschaft. „Alles nur, damit es mit unserem Unternehmen weitergeht.“ Sabine Diez übernimmt die Finanzen, hat das Geld im Griff, „die hatte die 17 als hausinterne Telefonnummer, immer wenn die 17 bei mir geklingelt hat, habe ich die Hacken zusammengeschlagen“, schmunzelt Werner Diez heute. Nur für die Kinder hat er nicht viel Zeit, der Sohn, heute Arzt im Landkreis Kronach, und auch Tochter Cindy wachsen mehr bei der Oma auf als bei den Eltern. „Es war einfach keine Zeit.“ Die Tochter studiert Recht, will dann Ärztin werden, doch zwei Kinder kommen dazwischen, sie übernimmt zunächst die Mutterrolle, von Verantwortung für das wirtschaftliche Familienunternehmen ist sie dagegen damals noch weit weg.

„Wir sind doch ein Wirtschaftsraum hier, für mich gibt es kein Ost und kein West, es gibt nur ein Miteinander, gemeinsam sind wir etwas Besonderes, ein starker Wirtschaftsraum, der für Entwicklung, Stabilität, Fortschritt und Nachhaltigkeit steht.“

Generationentreffen

Doch irgendwann, erinnert sich Werner Diez, kam sie und fragte, „ob er etwas zu tun hätte.“ Das ist ihr Einstieg in die Firma, stundenweise zunächst, und eigentlich „war das furchtbar, ich habe gedacht, nein, da gehe ich nie mehr hin“, lacht Cindy heute. Doch auch sie kämpft sich hinein in die neue Aufgabe im eigenen Unternehmen, lernt Buchhaltung, übernimmt nach einiger Zeit die Bücher des Unternehmens, „wenn man dann nach ein paar Jahren so eine Verantwortung übertragen bekommt, macht das auch Freude. Verantwortung heißt ja auch Mitgestalten.“ So gründet Cindy Diez-Zien 2003 auch eine Tochterfirma mit dem Schwerpunkt Schulungen und baut diese alleine auf, wächst an dieser Aufgabe. Sehr zur Freude ihres Vaters. Denn mit den Jahren stellt sich Werner Diez immer häufiger die Frage „Wer führt das Unternehmen eigentlich weiter“, verkaufen aber möchte er nicht, er spürt die Pflicht, dass Diez Fördertechnik und Systeme auch in Zukunft für die Mitarbeiter, für die Kunden da sein muss, er will zurückgeben, was er in den letzten fast 30 Jahren an Unterstützung erfahren hat, „niemals aber hätte ich zu einem meiner Kinder gesagt, dass es die Firma übernehmen muss.“, die Tochter aber will, ein Glücksfall. Jetzt hat er ihr schon 49% überschrieben, immerhin, aber „ich bin auch ein Mensch, der sich auch schwertut mit dem Loslassen. Wenn ich nur zuhause wäre, würde ich kaputt gehen.“

Verantwortungsgefühl

Und natürlich gibt es einen Plan, das Zepter ganz an seine Tochter zu übergeben, Schritt für Schritt, in zwei bis drei Jahren. „Das hat er zwar schon vor zwei Jahren gesagt“, schmunzelt sie, aber „das kriegen wir schon hin.“ Freilich wird das Unternehmen mit ihr ein anderes Gesicht haben. „Ich bin halt eine andere Generation.“ Aber zu ihrer Verantwortung, zu den Werten des Unternehmens wird sie immer stehen. „Meine Mutter sagt immer: Wir müssen für unser Unternehmen kämpfen und vor allem für unser Region. Das hat sie tausendmal gesagt, und mein Vater hat das jahrelang gemacht. Genauso werde ich das Unternehmen auch weiterführen.“

Diez Fördertechnik und Systeme GmbHDiez Fördertechnik und Systeme GmbHSonneberg/Hönbach
Vertrieb, Service, Vermietung von Hebezeugen und Flurfördertechnik samt Sondergerätebau, Zubehör, Anbauteile uvm. bis hin zu Schulungen

Gegründet: 1991 Mitarbeiter: 27Geschäftsführer: Werner Diez und Cindy Diez-Zien

www.diez-gmbh.de

von Wolfram Hegen

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