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Stadtgespräch #38

Stadtgespräch…

…gab ja im März und April fast nur eines in der öffentlichen Wahrnehmung.

Kein Klatsch und Tratsch an dieser Stelle wie üblich. Keine Promis, keine Gerüchte, keine Sticheleien. Kein Marktplatz der Eitelkeiten. Stattdessen ein Blick nach innen. Tagebücher von Vater und 15-jähriger Tochter. Persönliche Gedanken eines Erwachsenen und einer Heranwachsenden. Ein Protokoll einer „merkwürdigen“ Zeit, ausgelöst von einem Virus und den weltweiten Reaktionen darauf, für viele der heute lebenden Menschen und Gesellschaften gefühlt der tiefste Einschnitt ihres Lebens. Zwei kurze Tagebücher – vielleicht exemplarisch für die Gedankenwelt in diesem Frühjahr 2020…

Wolfram, Samstag, der 21. März 2020

Gestern war Frühlingsanfang. Keine explodierende Freude. Eher stille Bedrücktheit. Ausgangsbeschränkungen. Das zwangsweise Vertrauen in diejenigen, denen wir unseren Staat in dieser Zeit anvertraut haben. Kaum erträglich, aber wohl notwendig. „Bin doch nicht gefährdet, sterben eh nur die Alten“, hatte ein Bekannter noch geäußert. Dass es so schnell geht, dass von jetzt auf gleich alles anders ist, dass kaum Zeit zum Nachdenken bleibt, das kenne ich nicht, das raubt mir den Atem. Ein stiller Spaziergang. Eine leise Stadt. Und keine Polizei. Ruhig. Ganz ruhig. Im Büro das Wochenende nutzen, um Ordnung im Kopf zu schaffen, einen Plan für die nächsten Wochen aufzustellen, so etwas wie eine Strategie zu entwickeln, eine Struktur, die einem Halt gibt in dieser Krise. Beruflich, existenziell, finanziell, menschlich. Ein Videotreffen, Gespräche wie sonst auch, wir lachen, es tut gut, Freunde zu haben.

Emilia, Freitag, 27. März 2020

Noch fühlt es sich an, als hätten wir einfach nur Ferien. Jeder Morgen fühlt sich an wie ein ruhiger Sonntag, jeder Abend wie ein Freitagabend, an dem man sich auf die nächsten zwei freien Tage freut. Und trotzdem merkt man die Anspannung, die in der Luft liegt. Die Besorgnis vor allem um die wirtschaftliche Lage kommt auch bei Schülern an. Dabei müssen wir uns eigentlich auf eine ganz andere Sache konzentrieren: Disziplin. Wer in dieser Zeit unkonzentriert oder gar nicht seine Aufgaben macht, die von den Lehrern geschickt werden, wird die Konsequenzen wohl bald merken.

Wolfram, Samstag, 28. März 2020

Ich ertappe mich dabei, dass ich nach dem Kreuzen mit anderen Spaziergängern die Luft anhalte und dann langsam ausströmen lasse. Kein Kondensstreifen am Himmel. An der Tankstelle fragt jemand, ob Autowaschen zurzeit möglich ist. Alles ist anders. Ungeduld Tag für Tag. Was muss ich tun, wie kann ich helfen, wie geht es weiter im Beruf, im Leben? Immer wieder mal eine kurze Panik. Was passiert mit uns? Haben wir das alles im Griff? Kommen jetzt Massenverelendung, soziale Unruhen? Verlieren wir die Kontrolle? Ist der schönste Teil des Lebens vorbei? Oder lasse ich mich von der Allgegenwart des Themas und dem täglichen Zählen von Infizierten und Toten und den Bildern aus der ganzen Welt zu sehr „anstecken“? Wahrscheinlich. Also ruhig bleiben, die Chancen sehen, den Partner, die Kinder, die Freunde. Was es alles gibt. Was alles plötzlich geht. Was alles möglich ist, wenn man muss. Skype, Klickmeeting, Zoom. Alle sind kreativ, finden Lösungen, helfen sich. Toll.

Emilia, Sonntag, 29. März 2020

Langsam merke ich, wie ungewohnt die Situation doch für alle ist. In jedem Gesicht, in das ich schaue, liegt Besorgnis. Ich wache jeden Morgen auf und freue mich zum einen auf die vielen Dinge, die ich mit meiner freien Zeit anstellen kann, bin aber zum anderen unmotiviert und komme auch manchmal nur selten auf die Beine. Ich denke mein Motto in dieser Zeit lautet „am liebsten den ganzen Tag im Bett liegen bleiben“, weswegen es für mich wichtig ist, meinem Tag Struktur zu verleihen, beispielsweise durch To-do-Listen, die durch festen Überblick beim strukturierten Arbeiten helfen.

Wolfram, Montag, 30. März 2020

Ich fühle mich wie bei Orwells 1984: „Wir stehen zusammen aber bleiben uns fern“ oder „Gemeinsam gegen das Virus“ oder „Danke unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ – Durchsagen in den Supermärkten. Ein gesellschaftliches Ziel, von oben vorgegeben und von so gut wie allen mitgelebt, diktiert meine Minuten, Stunden, Tage und Wochen, einer Staatsideologie gleich, der sich alle unterwerfen. Eine Krise fördert das Gute und das Schlechte zu Tage. Das Gute sind die vielen kleinen Symbole des gegenseitigen Achtens, ein Danke, wo früher keines war, ein Telefonat, das man nie gerne geführt hat, ein Mitbringsel, für das oft keine Zeit war. Aber es sind eben auch gute Zeiten für Denunzianten, die im Gefühl, das richtige zu tun, andere anschwärzen. Es ist kein weiter Weg zur Hexenverbrennung, denke ich mir. Komische Gedanken.

Emilia, Sonntag, 05. April 2020

Der Drang, sich mit Freunden zu treffen, wird für alle immer größer. Das Wetter ist schön, weswegen die Lust auf ein großes Picknick mit dem ganzen Freundeskreis steigt. Aber das geht nicht. Bei solchen Gedanken sollte man sich einfach mal die Zahl der Verstorbenen, Erkrankten, Trauernden, hart Arbeitenden und Existenzfürchtenden vors Gesicht führen, da ist ganz schnell wieder vom Picknick abgesehen.

Wolfram, Montag, 06. April 2020

Ich blicke mehr und mehr nach vorne. Was bleibt hängen, was lernen wir, was machen wir anders? Ich fürchte, dass die Gegenreaktion wie so oft heftiger ausfällt als notwendig. Ja, die mehr-monatige Daseinsvorsorge für so einen Notfall wie eine Pandemie muss ganzheitlicher möglich sein, ohne weltweite Abhängigkeiten. Aber nein, deswegen bitte nicht mit Verstaatlichung und Isolation flirten. Ja, Hygiene wird wichtiger, Händewaschen, Desinfizieren, aber bitte nicht übertreiben, sonst werden die Kinder von heute für die Zukunft überhaupt keine Widerstandskräfte aufbauen. Ja, ein Staat muss im Fall des Falles schnell und stark sein und mit einer Stimme sprechen, aber nein, bitte nicht den Föderalismus über Bord werfen, der Eigenverantwortung stärkt, den Wettbewerb der Regionen, den Wettbewerb um die besten Ideen und der ein gutes Bollwerk ist gegen zentralistische Allmachtsphantasien. Ja, das Gesundheitssystem darf nicht kaputtgespart werden, aber bitte kein Rückfall in den von mir so empfundenen kommunalen Krankenhausmuff der 1970-er Jahre. Ja, wir haben gelernt, dass Freiheiten eingeschränkt werden können und müssen, wenn die die Würde des Menschen in Gefahr ist. Aber nein: Finger weg von unseren Grundrechten. Wachsam sein.

Emilia, Mittwoch, 08. April 2020

Die richtigen Ferien verlaufen natürlich entspannter. Man bekommt keine Aufgaben zugeschickt, das Wetter ist schön und man kann auch einfach mal faul sein. Natürlich mache ich mir Gedanken um die Situation um mich herum und lache auch über die Menschen, die sich so unverantwortlich verhalten, als wären nicht schon mehr als 90.000 Menschen an Corona gestorben. Die Hoffnung auf gute Nachrichten ist im Moment wohl immer präsent, wobei man gerade leider trotzdem eher mit schlechten rechnen muss.

… wird fortgeschrieben!

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